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17.12.16

Digitale Bildung?

Google hat als ZEIT-Beilage ein Heft "Aufbruch Lernen. Ein Magazin zur digitalen Bildung" herausgebracht. 
Was mich daran stört? - Dass das Lernen des Umgangs mit Programmen und digitalen Medien als "Aufbruch des Lernens" bezeichnet wird, obwohl es doch nur um einen neuen (sehr wichtigen) Lernbereich geht. Und dass von digitaler Bildung gesprochen wird, als ob Bildung digital sein könnte. Mit digital ist ja nicht die Bildung, sondern nur der Bereich, um den es geht, bezeichnet.
(Mit dieser Kritik an einem üblich gewordenen Sprachgebrauch kritisiere ich mich durchaus auch selbst; denn ich selbst habe im ZUM-Wiki einen Artikel Digitales Lernen eingefügt. - Wenn man will, dass etwas gefunden wird, passt man sich dem Sprachgebrauch an, und der ist relativ häufig unlogisch. Das ist freilich nur so lange unproblematisch, wie darüber nicht die Differenzierung im Denken verloren geht.)

Jetzt aber zum Inhalt des Heftes: 
In den Artikeln wird zu Recht hervorgehoben, wie viel Möglichkeiten digitale Instrumente und Medien für Lernen bieten. Es wird aber nicht genügend berücksichtigt, dass diese Möglichkeiten primär den besonders Lernbegünstigten helfen und dass die durch äußere oder innere Umstände Lernbehinderten durch die Digitalisierung benachteiligt werden, so lange kein Schwerpunkt darauf gelegt wird, wie die Entstehung von Lerndefiziten aufgrund der Ausdehnung dieses Bereichs eingedämmt werden kann.  
Dazu:
Zum einen ist aufgrund des hohen Innovationsgrades im Bereich der Digitalisierung jeweils die ältere Generation benachteiligt, weil sie sich neue Bereiche in einer Phase erschließen soll, wo diese spezifische Lernfähigkeit gerade abnimmt. (Nur ein Beispiel: Ich selbst habe bisher den Umstieg vom Laptop zu mobileren Geräten nicht geschafft.)
Zum anderen ist aufgrund des höheren Abstraktionsgrades des digitalen Bereichs nicht nur der verständnisvolle Umgang mit den Instrumenten und Medien schwieriger, sondern auch das Verständnis für die Gefahren, die dort für den Einzelnen (aber auch die Gesellschaft) lauern. 
Wenn man bedenkt, wie zentrale gesellschaftliche Institutionen wie Regierung und Parlament mit dem Umgang mit digitalen Instrumenten hinterher hinken (unzureichende Absicherung gegen Hackerangriffe) und wie zeitverzögert auf die neuen Entwicklungen reagiert wird, dann sollte man sich auch klar machen können, dass ein Verständnis für die Gefahren der digitalen Welt (Sucht, Datenmissbrauch, Identitätsdiebstahl) und die Einübung in die Fertigkeiten, die man braucht, ihnen zu begegnen, weniger Lernbegünstigten stark erschwert ist.

Schließlich sollte man nicht ausblenden, dass nicht nur die Lernenden, sondern auch die gegenwärtigen Lehrer zu großen Teilen durch die neuen Anforderungen überfordert sind. 
Wie groß ist der Prozentsatz  der Lehrer, die sich schon ein funktionierendes persönliches Lernnetzwerk aufgebaut haben, und der Lernenden, die die technischen Geräte und notwendige Unterstützung haben, sich eins zu erarbeiten?
Dabei denke ich auch an den nicht geringen Anteil der Flüchtlinge, die schon mit Alphabetisierung und Spracherwerb extrem gefordert sind und gleichzeitig auch digitale Innovationen mitvollziehen können sollen, um in die Arbeitswelt integriert zu werden. 

Da scheint es fragwürdig, wenn 5 Milliarden für die Versorgung der Schulen mit digitalen Instrumenten bereitgestellt werden, aber die Finanzierung von Alphabetisierung und Spracherwerb der Flüchtlinge noch nicht sichergestellt ist. 

Sieh jetzt auch:
Digitale Strategie der KMK (Dezember 2016), ein kritischer Blogbeitrag in Lehrerzimmer vom 18.12.16
News4Teachers 21.12.16
Bildung in der digitalen Welt & Schulinternes Curriculum 3.1.17
Der Blog: Bildung digital

Lässt sich schon im Kindergartenalter Medienkompetenz erlernen?  Bildungsklick 16.1.17
Die Verfasserin antwortet mit ja. 
Aber auch sie bemerkt:
"Der pädagogisch verantwortete und kreative Einsatz von Tablets im Kitalltag ist für die meisten pädagogischen Fachkräfte Neuland, so dass nicht nur in die Ausstattung mit technischen Endgeräten, sondern vor allem auch die entsprechende Qualifizierung und Unterstützung des pädagogischen Personals eine weitere zu bewältigende bildungspolitische Herausforderung ist." 
Zu den Gefahren des Internets meint sie:
"Die aktive Mediennutzung in der Kita bietet viele Anknüpfungspunkte, mit Kindern Gespräche über Sicherheitsthemen im Internet zu führen, wie sie Hilfe holen, mit Gefühlen umgehen, eigene Grenzen einschätzen, mit eigenen Passwörtern umgehen sowie das Recht am eigenen Bild oder das Urheberrecht kennen lernen. Sie ermöglicht auch, mit Kindern Regeln über die Mediennutzung aufzustellen und sie in ihrem Bewusstsein zu stärken, was gute und schlechte Medieninhalte sind. Durch solche Herangehensweisen legt frühe Bildung den Grundstein für eine sichere und verantwortungsvolle Internetnutzung. Dann entwickeln bereits junge Kinder Kompetenzen, die für sie später in problematischen Situationen im Netz hilfreich sind. Bevor jedoch Tablets in Kinderhand gegeben werden, sind die von Fachleuten empfohlenen Sicherheitsvorkehrungen und eine Vorauswahl geeigneter Medieninhalte zu treffen."
Wie man sicherstellt, dass der "pädagogisch verantwortete und kreative Einsatz" gelernt wird und  genügend Geld nicht nur für die Geräte, sondern auch für die Schulung der Lehrkräfte bereitsteht, das hat sie nicht zu verantworten. Das ist aber genau der Punkt, an dem die bisherige Strategie, Medienkompetenz im digitalen Raum zu schaffen, gescheitert ist. 

21.11.16

Zum selbstorganisierten Lernen (#EdchatDe 154)

Zur Vorbereitung des #EdchatDe 154

F1 Ist selbstorganisiertes Lernen eine Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts? Oder eher Stolperstein im Lernprozess?  #EDchatDE
Weder noch.
F2 Wie habt ihr selbstorganisiertes Lernen schon eingesetzt? Beispiele? Projekte? Gerne mit Links. #EDchatDE
Vor gut 40 Jahren in Jahresarbeiten. Natürlich haben Schüler, die schon im Unterricht leistungsstark waren, da einiges geleistet, was ich ihnen nicht zugetraut hätte. - Der Grund m.E.: hohe Motivation, da die Themen recht frei gewählt werden konnten, z.B. Malcolm X (im Deutschunterricht).
F3 Chancen und Stolpersteine: Worauf muss man beim Konzipieren von SOL-Lernsettings besonders achten? #EDchatDE
Hängt von dem SOL-Lernsetting ab.
F4  Wie lassen sich Eltern vom Selbstorganisierten Lernen überzeugen? Oder fordern sie es sogar ein? #EDchatDE
Das Problem hat sich mir nie gestellt.
F6 Selbstorganisiertes Lernen: Kannibalisieren wir uns damit nicht selbst? Was ist die Rolle der Lehrenden? #EDchatDE
Motivierende Lernsituationen schaffen. Das ist mir relativ häufig mit relativ vielen Schülern nicht gelungen. Am besten gelang es, wenn ich auf die individuellen Lernbedürfnisse eingehen konnte.
F7 Welche Methoden des selbstorganisierten Lernens könnt ihr empfehlen? Welche (digitalen) Tools helfen euch bei SOL?  #EDchatDE
Lernen durch Lehren. Es ist zwar durch sehr viel Lehreraktivität geprägt, enthält aber sehr hohe Anteile von SOL bei den Lehrendlernenden und bei der Lerngruppe.
F8: Welche Anregungen, Fragen hast du noch zu „Selbstorganisiertes Lernen“ #EDchatDE

Wenn selbstorganisiertes Lernen so wertvoll ist, warum verschafft man besonders begabten Schülern, die doch besonders gut selbstorganisiert lernen können, dann so häufig einen Zugang zur Universität?


#EdchatDE

6.11.16

Lernen ohne Lehrer

Abgründe neuer Lernkultur (pdf) von Christoph Türcke

Die folgenden Zitate erfassen nicht die Argumentationsstruktur, sondern sollen nur anregen, sie im Text nachzuvollziehen. Die fett hervorgehobenen Sätze stellen eine von mir künstliche Verkürzung auf Thesen dar, die Widerspruch anregen und auf die Begründunggen für die "Thesen" neugierig machen sollen. 
Kompetenzkozept ohne Bezug zum Inhalt:
"Exakt umschreiben lässt es [Können] sich nur, wenn man die Gesamtheit der Inhalte aufführt, an denen es erworben wurde."

Schreibunterricht:
"Schreiben ist eine Geste der Hingabe. [...]
Wohin der Verzicht auf Schreibschrift führt, ist offensichtlich. In wenigen Jahren werden handschriftliche Druckbuchstaben den Kindern ebenso "zu beschwerlich", sein wie es jetzt schon die vereinfachte Ausgangsschrift ist. [...] Alphabetisieren wir doch von vornherein am Computer! Damit ändert sich allerdings die Gesamthaltung zum Schreiben. Buchstaben, die man selbst nicht mehr malen kann, werden nur noch durch ruckartige Fingerbewegungen ausgelöst bei ständigem Blickwechsel zwischen Tastatur und Display. Die Geste der Hingabe, die den ganzen Organismus auf einen Punkt hin zusammennahm, löst sich in disparate Impulse auf. Der Vorgang des Schreibens wird genauso wuselig, wie es seine Umgebung im deregulierten Klassenzimmer schon ist. Die Alphabetisierung am Computer ist Zunder für ADHS."

Allgemein:
"Die aktuellen Bildungsstandards verordnen von höchster Stelle Niveausenkungen, die sie wie des Kaisers neue Kleider ausbieten. Das tun sie aber nicht aus Spaß oder um in der schönen neuen Welt der Flexibilität die Zügel einmal etwas lockerer zu lassen, sondern unter diffusem globalem Flexibilitätsdruck. [...]
Im Obrigkeitsstaat klagten die Schulbehörden regelmäßig über Schlendrian in den Schulen. Im neoliberalen Staat hingegen protestieren Lehrerverbände dagegen, dass die Schulpolitik mentale Elementartechniken herunterwirtschaftet; dass sie das drastische Sinken der Schreibfähigkeit durch steigende Vorgabe von Lückentexten kompensiert; [...]

Inklusion:
Die Behindertenrechtskonvention der UN verlangt, dass "kein Kind zurückgelassen" wird [...]
Wenn sich der Staat zur UN-Konvention bekennt, muss er auch das Geld zu ihrer Umsetzung locker machen, sagen die Inklusionsverfechter. Leider ist es umgekehrt: Weil immer weniger Geld für Bildung da ist, erfanden die UN die Inklusion.   [...]
Förderlehrer sind im System Regelschule immer nur zu Gast. Dass sie zu den Problemkindern ein stabiles Verhältnis aufbauen, kommt gelegentlich vor, ist aber strukturell nicht vorgesehen. [...]
Wie ein Abitur für alle kein Abitur mehr ist, so auch ein gemeinsamer Unterricht für alle kein gemeinsamer Unterricht mehr – zumindest wenn man darunter versteht, dass allen Mitgliedern einer Klasse oder Gruppe ein bestimmter Stoff eröffnet wird: [...]
Im Inklusionsraum sind alle zusammen, keiner kann hinaus, und jeder lernt für sich. [...] Nicht von ungefähr ähneln sich die Inklusionsräume deregulierten Großraumbüros an.  [...]

Motivation durch Angebot von Lernmöglichkeiten, durch Zeigen:
Das Zeigen ist die feierliche Eröffnung, das Highlight, das Sedimentieren und Fördern ist die unerlässliche Nacharbeit, der Alltag. Wo nichts gezeigt wird, gibt es nichts zu fördern. Fördern statt Zeigen ist ein Fass ohne Boden. Wenn man Lehrer zu bloßen Begleitern und Förderern degradiert, zu Arbeitsblattanhängseln und zum mobilen Eingreifdienst, nimmt man ihnen das Eigentliche ihres Berufs: das Zeigen."
(http://www.swr.de/-/id=18204784/property=download/nid=660374/1cn16an/swr2-wissen-20161106.pdf)
Literaturhinweis:
Christoph Türcke: Lehrerdämmerung: Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet. C.H. Beck, München 2016, ISBN 3406688829.

Ich erspare mir den Hinweis, auf die Anzeichen im Text, die darauf hindeuten, dass ein emeritierter Philosophieprofessor sich hinsichtlich digitalen moderatorunterstütztem Lernen in einer ähnlichen Informationsblase befinden könnte wie die meisten von uns in ihren Persönlichen Lernnetzwerken.
Immerhin sitze ich im Glashaus; denn ich bin vier Jahre älter als er. Vielmehr möchte ich darauf verweisen, dass ein Blick mit Abstand die Chance bietet, die weniger kompetenzorientierten Lehrer nicht einfach als vom alten Eisen, sondern als Symptome für mögliche Schwächen des Konzepts ernst zu nehmen.

Aus meiner subjektiven Sicht möchte ich hinzufügen, mir bei der Argumentation zwar manches überspitzt erscheint, dass aber zwei Aspekte seiner Kritik ein grundsätzliches Problem berühren: 

Ein Computer kann geniale Lernprogramme anbieten, er ersetzt nicht die Motivation durch den persönlichen Bezug. Der wird - je reifer der Lernende ist - umso unwichtiger. Aber bei allen Lernhemmungen und -störungen ist er entscheidend für Diagnose und für die Suche nach individuell angepassten Lernhilfen.

Inklusion kann soziale Isolierung vermeiden helfen, aber ein nur stundenweise vorhandener Helfer kann nicht die Sicherheit vermitteln, die ein Lernen in einer gemeinsamen Lerngruppe unter Anleitung eines Lehrers  bedeutet, der die spezifischen Lernschwierigkeiten kennt. 

Zu Inklusion neuerdings auch:
Bereits im Kindergarten riet man unserer Autorin ab, auf eine reguläre Schule zu gehen. Sie hat es trotzdem getan. Eine persönliche Abrechnung. taz.de Sandra Hertzke 4.1.2017
"Ob es gelingen wird, den Lehrern wie auch den Schülern diesen Inklusionsgedanken im täglichen Unterricht zu vermitteln? Das wird auch davon abhängen, wie souverän die LehrerInnen in der Lage sind, damit umzugehen – und zwar nicht nur die SonderpädagogInnen, sondern alle LehrerInnen und ErzieherInnen. Da braucht es Weiterbildungen, sonst bleibt die Inklusion nur Theorie und kommt nicht im Klassenraum an. Denn ein Nebeneinandersitzen bedeutet eben noch nicht ein Miteinanderlernen."

Wenn es keine Lehrer mehr gäbe, brauchte man sie nicht dafür weiterzubilden. Wäre das nicht ein Vorteil?

"Die Förderschullehrerin und ich störten uns gegenseitig"
"[...] Außerdem haben wir gar nicht genug Förderlehrer, um alle Deutsch- und Mathestunden abzudecken.[...]"

31.12.15

David Weinberger: Wissen ist kein Produkt mehr, sondern ein Prozess

Ich bin nicht der Meinung, dass Lernen im 21. Jahrhundert allgemein in persönlichen Lernnetzwerken*  vonstatten gehen kann, wie Lisa Rosa es meiner - sehr beschränkten - Kenntnis nach noch vertritt. Viel zu sehr sind Lerner immer wieder darauf angewiesen, dass ihnen auf die Sprünge geholfen wird. Viel zu wenige können ein Lernnetzwerk aufbauen, das weiten Horizont und Serendipity ermöglicht, zugleich aber für die ihnen jeweils nötigen Lernschritte trägt. Lernen Lernen zu lernen, wie es Rosa in ihrem bedenkenswerten Vortrag für die re:publica 13 für das 21. Jahrhundert gefordert hat, wird - in dem dafür notwendigen Ausmaß - auf absehbare Zeit zu wenigen gelingen, als dass man das gesamte Bildungssystem sinnvoll darauf umstellen könnte. So sehr ich für Barcamps (Tweets), wo das praktiziert wird, schwärme. 
Da ich aber ihre Überlegungen längst noch nicht genügend interiorisiert habe, möchte ich sie hier  ein wenig exteriorisieren, um sie so im Gespräch zu halten, wie sie es m.E. verdienen. 
Daher zitiere ich aus Rosas Vortrag einen kurzen Abschnitt, muss aber empfehlen, sich zumindest die Graphiken in ihrem Blogartikel anzusehen, damit ihr Grundverständnis vom Lernen des Lernen Lernens, parat hat, damit man die folgenden Ausführungen würdigen kann:
"Ich brauche Austausch für die Tiefe meines Wissens, dazu brauche ich Gleiche in meinen Netzen. Menschen mit Übereinstimmungen in grundlegenden Positionen, an denen ich mich nicht nur reibe, mit denen ich nicht immer bei Adam und Eva anfangen muss, wenn es um einen gemeinsam geteiltes Verständnis geht.Ich brauche aber auch Austausch für den weiten Horizont, denn sonst schmore ich im eigenen Saft. Filterbubble und Echo chamber sind Warnbegriffe dafür. Staunen, Verblüffung, aber auch Offenheit für Serendipity (also etwas zufällig zu finden) sind Haltungen, die wir trainieren, wenn wir uns eher Fremde und sogar vermeintlich “Verrückte” als Teilnehmer in unsere Netze holen. Und wir können uns daran gewöhnen, unser Wissen nicht für objektiv und allgemein gültig zu halten.Lokal und global müssen wir uns vernetzen, und „immer und überall in Verbindung zu bleiben” ist wörtlich zu nehmen." (Rosa: Lernen Lernen lernen ...)
*Zu PLN konkret vgl. vorläufig folgenden Entwurf eines Artikels

Um etwas von dem Gespräch bereitzustellen, in dem ich Lisa Rosas Konzept zu verstehen begonnen habe, verlinke ich hier meinen Artikel Zur Rolle des Lehrers im Lernprozess, in dem ich einen Teil meines Gesprächs mit ihr zitiert habe, dann Rosas Aufsatz Die Zukunft des Lernens: Sinnbildung im 21. Jahrhundert. (pdf)
Außerdem noch ein Interview mit Andreas Schleicher.
Aktuell: Gefährden Social Media politisches Engagement? von Philippe Wampfler zur Frage, ob ein stark im Netzt verortetes PLN die Aufmerksamkeit für konkrete Lernsituationen gefährdet

4.11.13

Selbstbestimmtes Lernen

Eltern werden Kurse angeboten, wie sie ihren Kindern richtiges Lernen beibringen können. (SZ 4.11.13)

Ich trete ein für mehr Lernen durch Lehren und gegen übertriebene Unterstützung.

Dennoch:
In den seltensten Fällen wird man auf Gebieten, die einen nicht interessieren, mit selbstbestimmtem Lernen weit vorankommen.
Und auf Gebieten, für die man Interesse gewonnen hat, wird man selbständig lernen, auch wenn die vom Lehrenden gewählte Methode das gar nicht vorsieht.

Es geht daher, m.E. nicht darum, Kindern selbständiges Lernen beizubringen, sondern darum, es ihnen nicht abzugewöhnen.


6.9.13

Die neue Schere

Die Schere zwischen Arm und Reich mit ihren gefährlichen gesellschaftlichen Folgen ist bekannt. Wir tun uns freilich schwer damit, sie zu schließen.
Eine zweite Schere hat sich aufgetan, vor der viele Betriebe noch die Augen verschließen. Die Schere zwischen den Ansprüchen der Betriebe und der Bereitschaft und den Fähigkeiten der Arbeitnehmer. Das zeigt sich besonders bei den Hochqualifizierten und den Minderqualifizierten.

Das ist mein Thema beim Corporate Learning Camp in Frankfurt am 27./28.9.13 (#clc13)
(Zur Erläuterung von Barcamp sieh: Barcamp als Wundertütenkonferenz von Katja)

Die Hochqualifizierten sind immer häufiger nicht bereit, den Druck eines Managements hinzunehmen, dem sie nicht die nötige Kompetenz zutrauen. Wenn bei unübersichtlichen Problemlösungen  von vorn herein eine Zeitvereinbarung getroffen werden soll, verweigern sie sich immer öfter.* Wo das nicht geschieht, kommt es leicht zu Flops wie bei Toll Collect, wo das Management völlig unrealistische Zeitvorgaben akzeptierte, weil es den Mitarbeitern keinen Spielraum zu Widerspruch ließ. (Der Streitwert des noch andauernden Verfahrens liegt bei rund sieben Milliarden Euro.)
Die Schere zeigt sich bei Minderqualifizierten, seit der Fachkräftemangel so groß geworden ist, dass sich Betriebe nicht mehr leisten können, alle, die den hohen Anforderungen noch nicht gerecht werden, in die Arbeitslosigkeit abzuschieben. Dazu heißt es in der Süddeutschen Zeitung:
Dass Schulabgänger ohne Qualifizierenden Hauptschulabschluss gar nicht eingeladen werden, ist längst Vergangenheit. Der Fachkräftemangel lässt  [den Pokuristen] Turm auch über Unpünktlichkeit, penetrantes Duzen und Widerworte hinwegsehen - anfangs zumindest. Ausbilder müssten die Erziehungsleistung übernehmen und den Jugendlichen Respekt vor Vorgesetzten und richtiges Benehmen erst beibringen, sagt Turm. Dann funktioniere auch die Zusammenarbeit. Betriebe und Berufsschulen müssten auffangen, was in der Erziehung verpasst wurde. (SZ vom 6.9.13)
 Die Lösung wird oft in Nachqualifizierung gesehen, die über selbständiges Lernen der Mitarbeiter geschehen soll. Im Fall der Hochqualifizierten wird das nicht funktionieren, weil die sich ohnehin selbständig qualifizieren. Da ist wohl eher eine Umstellung des Managements erforderlich. Bei den Minderqualifizierten wird mehr gebraucht als ein offenes Angebot.
Im Fall eines Schülers mit gescheitertem Hauptschulabschluss (Durchschnittsnote 5) half ein Sonderkurs, der ihn zum Hauptschulabschluss mit 1 qualifizierte, berichtet die Süddeutsche: "Gerade schwierige Schüler würden engagierte Mitarbeiter, wenn sie eine Chance bekommen."

Der Fachkräftemangel steigt. Wie kann man darauf reagieren?

Das Problem hat Gunter Dueck aus einer etwas anderen Perspektive formuliert.

Um nur kurz anzudeuten, weshalb Dueck m.E. das Problem etwas zu blauäugig aus Arbeitgebersicht sieht,
ein Beispiel aus dem Bereich öffentliche Schulen:
Durch PISA erfuhr man, dass Finnland weit besser abschnitt als Deutschland. Außerdem, dass in Finnland hoher Wert darauf gelegt wird, Schüler und Lehrer nicht durch enge Anforderungen zu gängeln, sondern ihnen für Lernen und Lehren viel Freiraum zuzugestehen.
Die Reaktion der Schulverwaltungen war u.a., länderweite Vergleichstests für 3.-Klässler mit genauen Vorgaben zur Auswertung durch die Lehrer zu erstellen. (Anderes lasse ich unerwähnt.)
Das ist ein sehr problematisches Verhalten des Lerncoaches Schulverwaltung.
Nun aber meldet sich ein anderer: die kritische Öffentlichkeit fordert von den Lehrern, sie sollten ihre Macht nutzen und die Regelungen der Schulverwaltung außer Acht lassen.
Irgendwie scheint mir da bei manchen die Botschaft vom selbstbestimmten Lernen in den falschen Hals gekommen zu sein.

Anmerkungen:
*Bei der Vorausschätzung der Arbeitszeit für Projekte verschätzen sich Softwareentwickler zwischen 50 und 500 Prozent.  (vgl.  Positionspapier von Björn Schotte zum Management 2.0 MOOC.)
Nach Kahnemann (Schnelles Denken, langsames Denken, 2012) sind diese Schätzfehler aus der Innensicht darauf zurückzuführen, dass die Beteiligten nicht voraussehen können, welche Störungen auftreten können, weil alle in sich sehr unwahrscheinlich sind, aber erfahrungsgemäß die Wahrscheinlichkeit, dass irgendeine größere Störung auftritt, sehr hoch ist. Die Außensicht betrachtet vergleichbare Fälle und die Zeiten, die für sich für diese ergaben. (S.305/06)

17.7.13

"Neue Lernkultur" oder neues "Marketing"?

Mit einer "neuen Lernkultur" soll in Baden-Württemberg "individuelle Potenzialentfaltung" erreicht werden.

Matthias Burchardt und Jochen Krautz kritisieren daran in der FAZ vom 10.05.2013, Nr. 107, S. 7
So entlarven sich die Leitbegriffe der Reform "Gemeinschaft" und "Individualisierung" als Marketingvokabeln: Zwar werden Kinder mit verschiedenen Fähigkeiten und Bedürfnissen in einem Raum zusammengefasst, doch bildet sich daraus keine Gemeinschaft, denn sie werden zu vereinzelten Lernplanbewältigern isoliert. "Individuell" ist nur das Tempo und die Reihenfolge, in der die normierten Lernpakete abgearbeitet werden. Vor dem Kompetenzraster sind alle Schüler gleich wenig individuell.
Herr Rau kommentiert das "Wenigstens ist aus dem Lehrer als Lernbegleiter ein bisschen die Luft rausgelassen worden, nachdem dessen Galleonsfigur Peter Fratton aufgehört hat".

Die taz zitierte dazu am 24.9.2007 drei Finninnen:
 "Die Deutschen nehmen das alles so ernst, die sind auch in der Schule hart gegen sich selbst", sagen sie. Die Finninnen verraten ihr Rezept: "Gutes Lernen ist wie Sex. Entweder leidenschaftlich - oder mechanisch und ohne Gefühl."

Mein Eindruck ist, dass Individualisierung des Lernens über Spiele (vgl. den motivierenden Bericht von Leila Concetti) und Projekte sehr motivierend sein kann, dass aber viele SchülerInnen bei einer Lernbegleitung "an langer Leine" keine zureichenden Lernstrategien entwickeln.

21.9.09

Lasst uns endlich unsere Kinder gemeinsam unterrichten!

Beim Kongress des Grundschulverbandes ist man verzweifelt darüber, was für Lehren Politiker und damit die Schulverwaltung aus wichtigen neuen pädagogischen Erkenntnissen zurechtzubasteln verstehen.
Endlich will man pädagogische Konzepte selbst umsetzen dürfen, statt die Missverständnisse der Politiker nachbeten zu müssen.
So jedenfalls verstehe ich diesen Bericht vom Kongress.

Manches kommt mir bekannt vor. Aber man sollte die Hoffnung auf Lernfähigkeit nie aufgeben, vor allem bei Politikern nicht. Manchmal gibt es erstaunliche Erfolge.

12.11.08

Bleib so, wie du bist???

Herrn Rau vom Lehrerzimmer verdanke ich den Hinweis und die Problematisierung des unter Jugendlichen immer häufigeren Geburtstagswunsches: "Bleib so, wie du bist!"

Die Formel "Bleib so, wie du bist!" soll dem anderen Anerkennung vermitteln und ihn dadurch stärken. Wörtlich genommen ist sie aber eine Aufforderung, zu erstarren und damit abzusterben.
In der christlichen Religion gibt es die Vorstellung, dass alle Menschen, so wie sie sind, von Gott angenommen sind. (Gleichnis vom verlorenen Sohn)
Gleichzeitig ergeht aber der ständige Ruf an die Christen "Tut Buße, sündigt hinfort nicht mehr, lasst euch von Gott finden!" (Aussage des Zöllners: "Gott sei mir Sünder gnädig!")
Diesen Gedanken greift humanistisch ohne Religionsbezug Bert Brecht auf mit K's Forderung an sich selbst, sich ständig weiterzuentwickeln und seiner Absicht, denen, die er liebt, zur Weiterentwicklung zu verhelfen.
Dagegen stellt Frisch wiederum die Forderung, sich kein Bildnis vom anderen Menschen zu machen.

Qintessenz:
Den anderen als gleichberechtigt akzeptieren.
Uns selbst immer weiter entwickeln.
Den anderen bei seiner Entwicklung unterstützen, nicht ihn im "Menschenpark" zum Übermenschen machen wollen.

Dazu: An unserer Schule hieß ein Abi-Motto "Lernst du noch oder lebst du schon?"
Ich habe es für mich verändert in "Paukst du nur oder lernst du schon? Lernst du noch oder bist du schon tot?"
Es gibt eine Definition von Macht als Fähigkeit, nicht lernen zu müssen. Die Fähigkeit hat die Bush-Administration ein paar Jahre lang bewiesen. Barack Obama versucht jetzt, den Zusammenbruch der USA zu vermeiden, indem er die verpassten Lektionen nachholt.

15.6.08

Selbstlerner

In großem Stil wird gegenwärtig in Freiburg von Externen das Abitur gemacht, die für selbstbestimmtes Lernen acht mündliche Prüfungen in Kauf nehmen. Sieben Monate haben sie sich selbst organisiert und damit einiges Risiko in Kauf genommen.