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10.1.10

Schullektüren aus Schülersicht

Eine Twitterumfrage von 2018 erbrachte dies Ergebnis:

Am beliebtesten Faust I, am unbeliebtesten Fontanes Effi Briest. Beide mit Abstand.

Mehr dazu: hier

Der Jugendseite einer Lokalzeitung entnehme ich:

Lieblingslektüren:

Der Vorleser "ein interessantes und zugleich bedrückendes Buch, das einen auch nach der letzten Seite nicht loslässt"

Faust I "Die Kunst, eine solch komplexe Erzählung in Reimform niederzuschreiben [...] verdient auch heute [...] höchsten Respekt"

Der Sandmann "Man denkt nach dem Lesen auch privat darüber nach. Oft vergisst man die Handlung von Schullektüren und Klassikern schnell - der Sandmann hinterlässt eine bleibende Frage: warum?"

Maria Stuart "Alles zusammen, herrlich übertriebenes Pathos inklusive, machen das Schillersche Drama zu einer spannenden, abwechslungsreichen und durchaus ertragbaren Lektüre. [...] wenn der Kurs eine Szene nachspielen soll, sind Lachanfälle vorprogrammiert."

Mark Haddon: The Curious Incident of the Dog in the Nighttime "eines von den Interessanteren [...] Der Roman besticht durch sehr viel geistreichen Witz und Spannung"

Mutter Courage und ihre Kinder "bereichert meiner Meinung nach jeden Unterricht"

Hasslektüren:

Der zerbrochene Krug "weder lustig noch besonders tiefgehend"

Wilhelm Tell "Es ist schwer geschrieben und auch ein bisschen langweilig."

Vanderbeke: Das Muschelessen "nicht einmal Thomas Manns Buddenbrooks lesen sich so schleppend" "dauert ewig" "langweiligste Buch der gesamten Welt" "Stil [...] einfach nervenaufreibend" "ein Satz mit x-fachen Wiederholungen häufig über mehrere Seiten"

Morthon Rhue; The Wave "übertrieben und einfach nur schlecht dargestellt"

Die Buddenbrooks "Das Buch ist ein Wälzer von 650 Seiten. Da fängt es schon an. Man muss eigentlich fast nichts mehr sagen."

Michael Kohlhaas "die bisher schlimmste Schullektüre für mich" "äußerst schwer zu lesen und zu verstehen"

Seit ich für einen Engländer in Michael Kohlhaas in einem Satz vergeblich das Subjekt gesucht habe, kann ich das Urteil über diese Lektüre leicht nachvollziehen. Bei Wilhelm Tell kennt man das Problem schon lange. Viel zu früh behandelt. Das Freiheitsthema kann kaum nachvollzogen werden.
Mir verwunderlich das Urteil über The Wave. Ich habe die Lektüre öfters im Deutschunterricht behandelt und sie ungern an das Fach Englisch abgegeben. Beim Nachspielen des extrem autoritären Unterrichts waren meine Schüler fasziniert und konnten die Faszination der amerikanischen Schüler gut nachvollziehen.
Die Buddenbrooks habe ich "mit heißen Ohren" gelesen, statt Hausaufgaben zu machen. Freilich, ich hatte vorher den Film mit Lilo Pulver und Hanns Lothar gesehen und die Charaktere fand ich danach nicht "zum Schreien", sondern faszinierend.
Der Vorleser hat viele Qualitäten, aber dass er nach Dürrenmatt und Frisch die erste "gut gehende" Schullektüre geschrieben hat, ist für einen Deutschlehrer nicht die unwichtigste. Wir schöpfen nicht so aus dem Vollen wie die Anglisten.
Das Urteil zum Faust darf man zweimal lesen. Natürlich hat Georg Lukacz seine Kriterien zum Roman so formuliert, dass Faust II sie weit besser erfüllt als etwa Homo Faber.
Aber ist die Sprachform der Zeilen
O daß dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt und zu Nichts,
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So tauml ich von Begierde zu Genuß,
Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.

so ganz vergessen worden? Dabei kann man auf die Wette kaum eingehen, ohne auf im Genuß verschmacht ich nach Begierde zu sprechen zu kommen.
Doch wenn ich ehrlich bin, ich hätte - bei der Vielzahl von Metren, die Goethe einsetzt - nicht gedacht, dass nur so wenige Zeilen nicht gereimt sind. Und die schöne Stelle aus der Helenatragödie wird heute ja kaum noch gelesen:
Helena: So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?
Faust: Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
Man sieht sich um und fragt –
Helena: wer mitgenießt.
Faust: Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück,
Die Gegenwart allein –
Helena: Ist unser Glück.