8.12.13

Zur Erwartungstheorie von Kahneman und Tversky

Ich beziehe mich auf die Darstellung von Daniel Kahneman in "Schnelles Denken, langsames Denken" (S.331-461).

Kahneman spricht von nicht-rationaler Risikofreude bzw. Risikoscheu bei Möglichkeitsgewinnen und Verlustrisiken. Dabei macht er aber keinen Unterschied zwischen mathematisch fixierten Wahrscheinlichkeiten (wie bei einer Lotterie) und Wahrscheinlichkeiten aufgrund der Gewinn- und Verlustgeschichte ähnlicher Fälle (wie bei Prozessrisiken). Bei Prozessen ist jede Konstellation (Fall, Kläger, Beklagter, Richter) unterschiedlich. Kein noch so erfahrener Anwalt kann die Wahrscheinlichkeit für den Ausgang eines Prozesses mit mathematischer Sicherheit angeben.
Insofern ist es rational, statt einer bestimmten Wahrscheinlichkeit einen Korridor von Wahrscheinlichkeiten anzunehmen. Doch völlig zu Recht weist er auf die hohe Bedeutung der Situation vor dem eintretenden Ereignis hin. Selbstverständlich ist es schön, eine Hoffnung auf ein erfreuliches Ereignis nähren zu können und die Sorge vor einer Katastrophe abmildern zu können, daher Risikofreude bei denkbaren positiven Ergebnissen und Risikoscheu vor negativen.
Weshalb ist die Furcht vor Terrorismus im Verhältnis zu seiner Wahrscheinlichkeit gegenüber Verkehrsunfällen so groß?
Verkehrsunfälle gehören seit Beginn unseres Lebens zu unserem Lebensrisiko, und die meisten haben in ihrem bisherigen Leben weniger Erfahrungen damit gemacht, als es der Gesamtwahrscheinlichkeit über ihr gesamtes Leben hin entspricht. ("Es is noch immer alles jut jegange.") Der Terrorismus ist ein erst neu in unser Leben eingedrungenes Risiko. Dass man bisher noch nie Opfer war, will insofern nicht viel heißen. Außerdem ist die Berichterstattung über Terrorismus sehr viel ausführlicher als die über Verkehrsunfälle (schon weil die extrem viel häufiger sind). Dass bisher alles gut gegangen ist, ist insofern keine rechte Beruhigung.

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