2.5.17

Realitätsverleugnung

Dass Wissenschaft nicht endgültige Wahrheiten erschließen kann, sondern immer nur vorläufiges Wissen produziert, das erfolgreiches Handeln begünstigt und die Früherkennung von Fehlentwicklungen ermöglicht, gehört schon seit Jahrzehnten zur Schulweisheit.
Deshalb ist es bedauerlich, dass bei der Kampagne gegen Trumps Abwertung und finanzielle Strangulierung von Wissenschaft immer wieder ein falscher Zungenschlag aufkommt, als könnte Wissenschaft unbezweifelbare "Fakten" feststellen. (mehr dazu in Fontanefans Schnipsel)

Dabei hat schon Shakespeare solche Wissenschaftsgläubigkeit gegeißelt.*
Und in neuerer Zeit haben Philosophen von so unterschiedlicher Couleur wie Popper und Habermas beide sehr deutlich gemacht, dass Wissenschaft als Religionsersatz völlig ungeeignet ist.

Umso ärgerlicher ist es, dass die seriöse Presse und selbst Wissenschaftler, die es besser wissen, vom "postfaktischen Zeitalter" reden, als gäbe es so etwas wie unbezweifelbare Fakten und Wissenschaft hätte aufgehört, sich durch ständiges Infragestellen des herkömmlichen Wissens weiter zu entwickeln.

Trumps Fehler ist nicht, dass er nicht an unbezweifelbare Wissenschaftsresultate glaubt. Wissenschaftsgläubigkeit ist gefährlich. Sein Fehler ist, dass er - nur scheinbar? - meint, dass er Warnungen vor Fehlentwicklungen ungestraft außer Acht lassen könnte. Und politisch gefährlich wird er daduch, dass er seinen Anhängern - noch immer ziemlich erfolgreich - vorzugaukeln versucht, sie brauchten wirtschaftliche und politische Zusammenhänge nur zu leugnen, damit sie bedeutungslos würden.

Was nutzt es, wenn man vor Trugbildern warnt und dann nur andere an ihre Stelle setzt?

Man muss aufzeigen, dass Trumps Politik der großen Mehrheit der Bevölkerung und besonders seinen Wählern schadet. Wenn man damit wartet, bis es für alle offen zutage liegt, dürfte es zu spät dafür sein, ihre Folgen einzudämmen. Das Beispiel Bush junior und das Chaos im Nahen Osten, das er mit seinen Interventionen angerichtet hat, sollte uns Lehre genug sein. 

*There are more things in heaven and earth, Horatio,


Than are dreamt of in your philosophy. (Akt I, Szene 5)

(auf Deutsch korrekt zitiert:
Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden,
Als eure Schulweisheit sich träumen lässt, Horatio)

Zur Ergänzung dieses Artikels möchte ich auf die Diskussion dieses Themas auf dem fr-blog verweisen, in deren Einleitung es heißt:
"Von der Wissenschaft darf man keine „ewigen Wahrheiten“ erwarten. Wissenschaft ist das Ringen um Erkenntnis. Wissenschaftlicher Fortschritt passiert sogar im Grunde ausgerechnet immer dann, wenn eine Theorie als widerlegt betrachtet und zu den Akten gelegt werden muss, denn dann muss ein neuer Lösungsansatz her. Man kann wissenschaftlichen Fortschritt als eine Evolution von Ideen betrachten."
Und in der Henning Flessner am 25.4. 'sagte':
"Wenn man das Wort Fakten googelt und nach einem Wikipedia-Eintrag sucht, wird man auf den Begriff Tatsachen umgeleitet. Es gibt bei Tatsachen zwei Unterkapitel: 1. Rechtswissenschaft und 2. Philosophie und Theologie. Ein Unterkapitel Naturwissenschaft gibt es nicht.
Durch die Klimaforschung hat eine wahrscheinlich bisher einmalige Politisierung der Naturwissenschaft stattgefunden. Plötzlich ist in der Naturwissenschaft von Fakten, bei denen implizit immer mitschwingt, dass sie beweisbar sind und Wahrheiten die Rede. Man kann aber und will in der Naturwissenschaft auch gar nichts beweisen. Die Naturwissenschaft entwickelt Theorien zur Beschreibung der Phänomene mit dem Ziel der Vorhersagbarkeit." (Hervorhebung von Fontanefan - Herrn Raus Kommentar verdanke ich es, dass ich in der Diskussion noch etwas weiter nachgelesen habe, so dass ich hier anführen kann, was ich selbst nicht so klar hätte formulieren können.)

Am 26.4. formuliert Flessner:
"Die Relativitätstheorie hat sich in der Beschreibung der Phänomene tadellos bewährt, genau wie die Quantentheorie. Dummerweise können nicht beide richtig sein. Aber sie sind beide extrem gut brauchbar und das ist das Entscheidende."
Es lohnt sich, diese Diskussion noch weiter zu verfolgen. Freilich geht es dabei auch um manche Feinheiten, die man nicht unbedingt dauerhaft parat zu haben braucht. 

Kommentare:

Herr Rau hat gesagt…

Mhmmmh... vermutlich sind wir uns ja einig, aber:
Von dem Wort "Wissenschaftsgläubigkeit" zu springen zu "Wissenschaft als Religionsersatz" (2. Absatz) halte ich für einen nicht semnatischen Trick, bei dem durch das Wortfeld Religion ein Zusammenhang nahegelegt wird, der gar nicht existiert - unter den Definitionen, die mir bei "Wissenschaftsgläubigkeit" einfallen, ist keine dabei, die etwas mit Religionsersatz zu tun hat.

Die Geißelung durch Shakespeare: a) ist das für mich als argumentum ad auctoritatem nicht überzeugend, weil ich Shakesperae zwar sehr schätze, aber nicht für eine außerliterarische Autorität erachte, und b) hat das nicht Shakespeare gesagt, sondern Hamlet, ein suizidaler Emo, der am Schluss für den Tod der meisten Figuren im Stück verantwortlich ist. Das Stück endet ja gekanntlich als Blutbad, die einzige überlebende Hauptperson ist jener Horatio, der mit der Schulweisheit.

Ich gebe aber zu, dass ich das Wort Fakten für sehr sinnvoll halte. Du kannst gerne ein anderes Wort nehmen, gesicherte Erkenntnisse von mir aus. Die gibt es nämlich in der Wissenschaft ("science", nicht Gesellschaftswissenschaften), bei allem Zweifel. Ansonsten halte ich es für gefährlich, das System Wissenschaft dahingehend anzugreifen, dass man ja nie sicher sein könne. Das stimmt, führt aber auf die falsche Spur. Man kann sicher genug sein. Man ist es natürlich nicht immer und bei jeder Sache.

Vielleicht reagiere ich nur besonders empfindlich, weil mich das an den wissenschaftsfeindlichen Kommentar in der New York Times von vor ein paar Tagen erinnert, hier eine Analayse dazu: http://www.slate.com/articles/health_and_science/science/2017/04/bret_stephens_first_new_york_times_column_is_classic_climate_change_denialism.html

Walter Böhme hat gesagt…

Natürlich habe ich mich sehr über deinen ausführlichen Kommentar gefreut.
Dass wir aus unterschiedlichen Perspektiven auf Realitätsverleugnung blicken, macht das Ganze ja deutlich fruchtbarer als meine Einzelperspektive sein könnte. Deinem Kommentar gerecht zu werden, fehlt mir jetzt die Zeit.
Nur so viel: Selbstverständlich ist für mich Wissenschaft der privilegierte Zugang zum Weltverständnis. Mit Wissenschaftsfeindlichkeit hat meine Kritik an der Rede davon, Wissenschaft stelle Fakten fest, nach meinem Verständnis nichts zu tun.
Newtons Verständnis von Gravitation und ihrer Bedeutung für die Planetenbewegungen ist durch Einstein ja nicht widerlegt, sondern als nur vorläufiges Verständnis erwiesen worden.
Und gerade zum Klimawandel habe ich ja nicht zufällig Jorgen Randers (2052) und Naomi Klein (Kapitalismus vs. Klima) ausführlich im ZUM-Wiki vorgestellt.
Shakespeare als "naturwissenschaftliche Autorität" zu denken, hat etwas Humoristisches.

Den Zusammenhang von "Wissenschaftsgläubigkeit" und Religionsersatz darzulegen, dafür brauchte ich mehr Zeit, als mir vermutlich in dieser Woche zur Verfügung stehen wird.
Ich versuche meinen Gedanken trotzdem in Twitterkurzform zu umschreiben: #Trumps Fehler ist nicht, dass er nicht an #Wissenschaft #glaubt, sondern dass er sie und damit die #Realität ignoriert.

Walter Böhme hat gesagt…

Zu Wissenschaftsgläubigkeit: Ich verstehe darunter zum einen wie die Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Szientismus) die Vorstellung, dass Wissenschaft alle Fragen beantworten könne. Dabei zeigt sich, dass das nur geht, wenn man seinen Fragehorizont einschränkt. Andererseits rechne ich dazu aber auch das bedenkenlose Vertrauen auf Experten, das uns die Entsorgungsprobleme beim Atommüll eingebracht hat und das sich - eher komisch - im Vertrauen auf wissenschaftliche Studien zeigt, die Kaffee, Schokolade oder Rotwein als eine Art Gesundheitselexier anpreisen oder nachweisen, dass Klassengrößen keinen Einfluss auf die Qualität der Unterrichtsergebnisse haben.
Dabei ist das Kennzeichen von moderner Wissenschaft der ständige methodische Zweifel.

Mit Religionsersatz meine ich zum einen, dass an die Stelle ehemaliger religiöser Autoritäten wissenschaftliche treten und das eigene Denken ausgeschaltet wird. Zum anderen meine ich, dass von vielen alles Machbare für gut geheißen wird und ethische Bedenken ausgeblendet werden. Ein Beispiel dazu: die sich selbst steuernden Autos. Wo liegt die Verantwortung, wenn es zu Unfällen kommt?

Aber natürlich kann dieser Hinweis auf die beschränkte Gültigkeit wissenschaftlicher Aussagen auch in dem Sinne gedeutet werden, dass man wissenschaftlich begründete Warnungen einfach in den Wind schlagen könne. Beim Klimawandel ist das besonders gefährlich, weil es natürlich ein wirtschaftliches Interesse daran gibt, die Verantwortung für Folgeschäden wirtschaftlichen Handelns von sich abzuwälzen.

Walter Böhme hat gesagt…

Da bin ich doch froh, dass ich angesichts der vielen anderen Aufgaben, die für mich anstehen, nicht versucht habe, das Thema Wissenschaftsgläubigkeit ganz umfassend anzugehen; denn das ist jetzt in der ZEIT Nr.19/2017 weit besser geschehen, als ich es vermocht hätte. Und zwar ist zugleich der Wissenschaft die Ehre gegeben gegen all die Versuche, Ideologie als Wissenschaft auszugeben, und unter dem Titel "Bis zum Besserwissen" über "das heikle Verhältnis von Wissen und Wahrheit" ausgewogen geschrieben worden, ohne dass der philosophische problematische Begriff "Fakten" unangemessen ins Spiel gebracht würde. Zitat "Veränderung des wissenschaftlichen Weltbildes heißt eben nicht, dass Erkenntnisse beliebig und lediglich Moden und Mächten unterworfen wären".
Und dann werden auf den Seiten 32f. aus den Jahren von 1992 bis 2017 25 Beispiele dafür angeführt, das Erkenntnis nur so lange gilt, "bis man es wieder besser weiß". - Oder, wie ich es formuliert hatte: Wissenschaft erzeugt immer nur "vorläufiges Wissen".
(Übrigens: Diese ZEIT-Artikel sind nur vorläufig nur in der Druckausgabe nachzulesen. Bald wird man sie auch im Internet finden. Es sei denn, die ZEIT verändert sehr bald ihre Veröffentlichungspraxis.)

Walter Böhme hat gesagt…

Jetzt finde ich den zitierten ZEIT-Artikel schon im Netz: http://www.zeit.de/2017/19/wissenschaft-wahrheit-vernunft-fakten
Dank an die ZEIT!