15.5.15

Bekenntnisse einer Lehramtsstudentin: Wir lernen: nichts

Wir lernen: nichts, SPON, 13.5.15
"Ich war naturwissenschaftlich, künstlerisch und musikalisch ebenso unbegabt wie desinteressiert, jedoch im Besitz von rund 200 Büchern. Also: Deutsch im Hauptfach. Zweitfach: Politische Bildung. Zu Beginn wusste ich über das Studium nicht viel, außer: Lehrer brauchen eine pädagogische Ausbildung und didaktisches Handwerkszeug. Und das lernt man in einem praxisorientierten Studium oder zumindest im Pflichtfach Erziehungswissenschaften, oder?
Ich hatte ja keine Ahnung. [...]
Ich möchte mir nicht anmaßen zu behaupten, jeder Dozent, der selbst nicht an einer Schule gearbeitet hat, sei inkompetent und könne kein Wissen vermitteln. Doch: Wir Studenten brauchen Leute, die uns sagen können, wie man für ein positives Klassenklima sorgt, welche Methoden sich bei ihnen im Unterricht bewährt haben und wie man verdammt noch mal an dem Job nicht kaputtgeht. Nie wurde uns erklärt, in welchem Rahmen man Schüler reglementieren darf und soll oder wie ich Klassen in unterschiedlichen Situationen am besten motivieren kann." (Wir lernen: nichts)
Meine Reaktion darauf ist: Offenbar gibt es bei der Lehrerausbildung auch heute noch erhebliche Schwachstellen. 
Aber: Wer mit solcher Schülermentalität verspricht, "ich werde als Lehrerin mein Bestes geben", hat im Referendariat noch viel dazu zu lernen. Ob das mit Modulen geht?

Aber auch für Internetlernen sehe ich bei solchen Voraussetzungen nicht viel Land. Im MOOC lernt man jedenfalls gewiss nicht "wie man für ein positives Klassenklima sorgt [...] und wie man verdammt noch mal an dem Job nicht kaputtgeht". Dazu gehört konkrete Erfahrung und persönliche Begegnung. 


Doch vielleicht liegt meine Reaktion auch nur an der plakativen Darstellungsweise der Studentin, und im Wirklichkeit hat sie schon längst Praxiserfahrung gesammelt oder einen der MOOCs zu Lernen und Lehren mitgemacht: LdL MOOC 1, LdL MOOC 2

Persönliche Erfahrungen ersetzt so ein Kurs nicht. Aber wer darüber klagt, dass er im Studium nichts über Unterrichten gelernt hat, der sollte schleunigst Praktika machen oder solche MOOCs nutzen. Wenn sie/er das nicht will, für den wär's höchste Zeit, das Berufsziel zu wechseln. 

Ergänzung:
So werden aus Studenten später gute Lehrer, SPON 26.5.15

Kommentare:

Herr Rau hat gesagt…

>Ich war naturwissenschaftlich, künstlerisch und musikalisch ebenso unbegabt wie desinteressiert, jedoch im Besitz von rund 200 Büchern.

Möchte ich nicht als Kollegin haben. Nirgendwo zeigt sich allgemeine Neugier, oder auch nur Neugier im eigenen Fach. 200 Bücher zu haben reicht nicht, dazu gehört noch analytisches Interesse an Bücher und Sprache. Ich möchte als Lehrer Menschen mit fachwissenschaftlichem und allgemeinen Interesse und einer soliden Ausbildung darin. Und auf dieser Basis dann das notwendige Pädagogische.

Walter Böhme hat gesagt…

Dem darf ich, um deutlich zu werden, noch Folgendes hinzufügen: Wer schreibt
"Wir Studenten brauchen Leute, die uns sagen können, wie man für ein positives Klassenklima sorgt, welche Methoden sich bei ihnen im Unterricht bewährt haben und wie man verdammt noch mal an dem Job nicht kaputtgeht", der hat nicht begriffen oder tut so, als hätte er nicht begriffen, dass manches nicht rein kognitiv gelernt werden kann. Das muss man aber am eigenen Lernprozess - auch ohne jede sinnvolle theoretische Instruktion - erfahren haben, wenn man eine gute Lehrerin / ein guter Lehrer werden werden soll.