10.1.10

Schullektüren aus Schülersicht

Der Jugendseite einer Lokalzeitung entnehme ich:

Lieblingslektüren:

Der Vorleser "ein interessantes und zugleich bedrückendes Buch, das einen auch nach der letzten Seite nicht loslässt"

Faust I "Die Kunst, eine solch komplexe Erzählung in Reimform niederzuschreiben [...] verdient auch heute [...] höchsten Respekt"

Der Sandmann "Man denkt nach dem Lesen auch privat darüber nach. Oft vergisst man die Handlung von Schullektüren und Klassikern schnell - der Sandmann hinterlässt eine bleibende Fr5age: warum?"

Maria Stuart "Alles zusammen, herrlich übertriebenes Pathos inklusive, machen das Schillersche Drama zu einer spannenden, abwechslungsreichen und durchaus ertragbaren Lektüre. [...] wenn der Kurs eine Szene nachspielen soll, sind Lachanfälle vorprogrammiert."

Mark Haddon: The Curious Incident of the Dog in the Nighttime "eines von den Interessanteren [...] Der Roman besticht durch sehr viel geistreichen Witz und Spannung"

Mutter Courage und ihre Kinder "bereichert meiner Meinung nach jeden Unterricht"

Hasslektüren:

Der zerbrochene Krug "weder lustig noch besonders tiefgehend"

Wilhelm Tell "Es ist schwer geschrieben und auch ein bisschen langweilig."

Vanderbeke: Das Muschelessen "nicht einmal Thomas Manns Buddenbrooks lesen sich so schleppend" "dauert ewig" "langweiligste Buch der gesamten Welt" "Stil [...] einfach nervenaufreibend" "ein Satz mit x-fachen Wiederholungen häufig über mehrere Seiten"

Morthon Rhue; The Wave "übertrieben und einfach nur schlecht dargestellt"

Die Buddenbrooks "Das Buch ist ein Wälzer von 650 Seiten. Da fängt es schon an. Man muss eigentlich fast nichts mehr sagen."

Michael Kohlhaas "die bisher schlimmste Schullektüre für mich" "äußerst schwer zu lesen und zu verstehen"

Seit ich für einen Engländer in Michael Kohlhaas in einem Satz vergeblich das Subjekt gesucht habe, kann ich das Urteil über diese Lektüre leicht nachvollziehen. Bei Wilhelm Tell kennt man das Problem schon lange. Viel zu früh behandelt. Das Freiheitsthema kann kaum nachvollzogen werden.
Mir verwunderlich das Urteil über The Wave. Ich habe die Lektüre öfters im Deutschunterricht behandelt und sie ungern an das Fach Englisch abgegeben. Beim Nachspielen des extrem autoritären Unterrichts waren meine Schüler fasziniert und konnten die Faszination der amerikanischen Schüler gut nachvollziehen.
Die Buddenbrooks habe ich "mit heißen Ohren" gelesen, statt Hausaufgaben zu machen. Freilich, ich hatte vorher den Film mit Lilo Pulver und Hanns Lothar gesehen und die Charaktere fand ich danach nicht "zum Schreien", sondern faszinierend.
Der Vorleser hat viele Qualitäten, aber dass er nach Dürrenmatt und Frisch die erste "gut gehende" Schullektüre geschrieben hat, ist für einen Deutschlehrer nicht die unwichtigste. Wir schöpfen nicht so aus dem Vollen wie die Anglisten.
Das Urteil zum Faust darf man zweimal lesen. Natürlich hat Georg Lukacz seine Kriterien zum Roman so formuliert, dass Faust II sie weit besser erfüllt als etwa Homo Faber.
Aber ist die Sprachform der Zeilen
O daß dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt und zu Nichts,
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So tauml ich von Begierde zu Genuß,
Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.

so ganz vergessen worden? Dabei kann man auf die Wette kaum eingehen, ohne auf im Genuß verschmacht ich nach Begierde zu sprechen zu kommen.
Doch wenn ich ehrlich bin, ich hätte - bei der Vielzahl von Metren, die Goethe einsetzt - nicht gedacht, dass nur so wenige Zeilen nicht gereimt sind. Und die schöne Stelle aus der Helenatragödie wird heute ja kaum noch gelesen:
Helena: So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?
Faust: Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
Man sieht sich um und fragt –
Helena: wer mitgenießt.
Faust: Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück,
Die Gegenwart allein –
Helena: Ist unser Glück.

Kommentare:

Herr Rau hat gesagt…

"Die Welle": Mag ich auch nicht. Gut gemeint, aber (auch deshalb) nicht gut. Aber die Schüler hier mögen es noch immer. Michael Kohlhaas: kann ich nachvollziehen. Aber ich liebe die gedrechselte Syntax Kleists.

In der letzten Abiturzeitung hatten die Schüler ihre Lieblingslektüre aus der Schulzeit angegeben. Nicht speziell in Deutsch, sondern durch alle Fächer. Einige Schüler haben nichts angegeben, einige auch zwei Titel genannt; wie ernst die Schüler bei der Frage waren, weiß ich nicht. Heute morgen habe ich die Antworten zusammengeschrieben und gezählt. Es gibt einen deutlichen Favoriten, daneben sehr viel Unterstufenliteratur. Hauptsächlich von den Jungs, und auch da eher vom bücherfernen Typus.

11x Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker ("kurz und verständlich")
5x Otfried Preußler, Krabat
5x F. Scott Fitzgerald, The Great Gatsby
5x J.D. Salinger, Der Fänger im Roggen
4x Theodor Fontane, Effi Briest
4x Henning Mankell, Der Chronist der Winde
4x William Shakespeare, Romeo & Juliet (incl. 1x Romeo & Julia)
4x Oscar Wilde, The Importance of Being Earnest
3x E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann
3x G.E. Lessing, Nathan der Weise
2x Max Frisch, Stiller
2x Johann Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther
2x Mario Puzo, Der Pate
2x Morton Rhue, Die Welle
2x Hans Peter Richter, Damals war es Friedrich
2x Bernhard Schlink, Der Vorleser
2x Angel (?)
1x Alfred Andersch, Sansibar oder der letzte Grund
1x Irmela Brender, Frag mal Alice
1x Roddy Doyle, The Giggler Treatment
1x Max Frisch, Homo Faber
1x Johann Wolfgang Goethe, Faust
1x William Golding, Herr der Fliegen
1x Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne
1x Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel
1x Hermann Hesse, Unterm Rad
1x Nick Hornby, A long way down
1x Nick Hornby, About a Boy
1x Franz Kafka, Die Verwandlung
1x Erich Kästner, Fabian
1x Wolfgang Kuhn, Mit Jeans in die Steinzeit
1x Sonia Levitin, Die Tote im Wald
1x Heinrich Mann, Der Untertan
1x Molière, Der eingebildete Kranke
1x A.S. Neill, Die grüne Wolke
1x Scott O'Dell, Die Insel der blauen Delphine
1x George Orwell, 1984
1x Mirjam Pressler, Kratzer im Lack (5)
1x Morton Rhue, Die Welle
1x Éric-Emmanuel Schmitt, Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran
1x Theodor Storm, Der Schimmelreiter
1x Patrick Süskind, Das Parfum
1x Sylvia Waugh, Die Mennyms

Stolz bin ich auf den Fänger im Roggen. Deutsch, 7. Klasse, Schülerwunsch. Hat sich bewährt.

Anonym hat gesagt…

Es ist interessant zu sehen, wie viele der Bücher ich selbst in meiner Schulzeit gelesen habe und welche es "überlebt" haben, d. h. auch heute noch mit den Klassen gelesen werden. Abgesehen von den Klassikern habe ich recht gute Erfahrungen mit "Damals war es Friedrich" gemacht, wobei die Schüler hier besonders nach dem weiteren Behandeln des Themas in Klassenstufe 8 (nach lesen in Klassenstufe 6) einiges anders sehen. "Frag mal ALice" ist bei meiner Klasse nicht besonders gut angekommen, "Das Parfum" war recht beliebt. "Die Welle" in Englisch war ein besonderer Erfolg und hat mich sogar dazu bewegt ein weiteres Buch von Morton Rhue zu behandeln.

Was mir besonders in Erinnerung geblieben ist, das sind wohl die Lektüren aus der 9./10. Klasse. Meine damalige Deutschlehrerin las die gesamten zwei Jahre nur Bücher mit uns- und ein jedes endete damit, dass sich die Figuren umbrachten. Ich weiß nicht wie viele Stücke und Gesichten es gibt, die mit einem nichtgewollten oder gewollten kollektiven Suizid enden, aber ich kann mindestens zehn nennen.

Herr Larbig hat gesagt…

Erstaunt musste ich vor einiger Zeit feststellen, dass ich keine Ahnung mehr habe, welche Bücher wir in der Oberstufe gelesen haben. Ich weiß nur noch, dass Faust definitiv nicht dabei war.

Ich erinnere mich an Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“, an Christa Wolfs „Störfall” (war keine Klassenlektüre, sondern hatte ich mir in Klasse 10 als ein Buch ausgesucht, dass per Buchbesprechung vorgestellt wurde), Goethes „Iphigenie auf Tourist“ und Dürrenmatts Hörspiel (!) „Biedermann und die Brandstifter“.

Meine eigenen Erfahrungen mit Schullektüren:

- Faust I wird von Schülern und Schülerinnen als eine Art „Höhepunkt“ des Deutschunterrichts erlebt. Dabei hat der „Mythos“ des Stücks einigen Anteil; beim Lesen dann wird es für viele aber dennoch richtig spannend.

- Sandmann wurde gerade in Hessen von der Lektüreliste für das Abitur genommen. Gründe sind nicht erkennbar. Vielleicht zu beliebt bei den Schülern und Schülerinnen?

- Vanderbeke „Das Muschelessen”: Dieses Buch Schülern im Unterricht zuzumuten, kann eigentlich nur Erwachsenen einfallen, die sich selbst einmal in ähnlicher Situation befanden, wie die Familie dort am Mittagstisch. Dieses Buch habe ich gelesen, weil ich mal dachte, es im Unterricht einzusetzen. Ich habe mich so gelangweilt, dass ich es von meiner internen Leseliste strich.

– Bernhard Schlink „Der Vorleser“: Bei diesem Buch werde ich, bei allem internationalen Erfolg, das Gefühl nicht los, es sei auf Schullektüre hin geschrieben. Dann doch lieber Uwe Timms „Die Erfindung der Currywurst“ oder Jurek Beckers „Bronsteins Kinder“, wobei gerade Becker literarisch ansprechend und historisch besonders interessant ist, da er zwei zeitliche Epochen miteinander verbindet, die den Schülern heute ziemlich fremd sind.

- „Die Welle“: Inhaltlich für Schüler und Schülerinnen interessant, aber literarisch hat die Welle wenig zu bieten. Noch schlimmer fand ich „Boot Camp“. Gut, die Schüler mögen es meist.

– Interessanterweise scheint Büchners „Woyzeck“ bei Schülern und Schülerinnen gut anzukommen. Ich mag das Drama auch und eine Szene scheint kein Schüler zu vergessen: Die Erbsendiät.

– Levoy „Der gelbe Vogel“ – In meiner sechsten Klasse wurde schon der Wunsch geäußert, dieses Buch mal zu lesen. Ein Wunsch, dem ich gerne nachkomme. Dieses Buch scheint von Empfehlungen zu leben: Ich bekam es von einem Freund als dessen Lieblingsbuch empfohlen, ich empfahl es schon oft als eins meiner liebsten „Jugend“Bücher und die Schüler scheinen es auch empfohlen zu bekommen. Da scheint ein neuer „Jugendbuch“Klassiker entstanden zu sein.

– Süßkind „Das Parfüm“: Als der Film im Kino war, wollten plötzlich alle diesen Roman lesen. Dem konnte ich mich nicht entziehen. Stellte sich als nicht sonderlich aufregend dar: Man las es und keinem tat es weh.

– Christian Krachts „Faserland“ und damit verbunden eine Einheit über Popliteratur hat bei mir bislang gute Erfahrungen hinterlassen. Kann auch daran liegen, dass ich von Popliteratur selbst recht angetan bin, auch wenn nicht alles in diesem Bereich gelungen ist, so ist der Ansatz einer, der Schülern ziemlich nahe zu sein scheint, gerade weil hier auch Dinge in den Fokus kommen können, die sonst vielleicht zu kurz kommen. Der Ansatz, mit den Gegebenheiten des „Jetzt“ zu arbeiten, führt schnell zu YouTube, Vimeo und Co.

Was mir übrigens bei den Schullektüren auffällt: Es wird in der Schule kaum Gegenwartsliteratur gelesen. Literatur in der Schule findet, bis auf ein paar Ausnahmen, in irgendwelchen „Kanonräumen“ statt, in denen eine ganze Menge an Literatur nicht vorkommt, obwohl sie für die lesenden Schüler eher „Alltagslektüre“ ist als manch anderes.

Klar, Klassiker sind Klassiker, nicht weil sie alt sondern weil es in der Regel geniale literarische Werke sind. Also gehören sie (auch!) in den Unterricht und in die eigene Bibliothek.

Walter Böhme hat gesagt…

@Herr Larbig Besten Dank für diesen gehaltvollen Post! Ich denke, es lohnt sich vielleicht, solche Erfahrungen mit Schullektüren einmal zusammenzustellen.