3.9.14

Mein Beitrag zur Blogparade "Mein Bücherregal"

Lauter liebenswerte LeserInnenbeiträge hat Dörte Giebel mit ihrem Blogbeitrag

angeregt

Für mich ist "mein Bücherregal" freilich ein sehr euphemistischer Titel für die diversen Bücherregale mit den diversen Inhalten, die sich in den verschiedenen Stockwerken des Hauses finden. Um meine Bewunderung für die Ästhetik mancher Bücherregale überzeugend aussprechen zu können, füge ich mal ein Foto von drei meiner Regale ein, die ein wichtiges Ordnungsprinzip "Größe" erkennen lassen.



Liebenswert erscheint mir nicht zuletzt der Beitrag von Tanja Heller, der Texterin mit Biss.
Sie schreibt:
Ich mag keine Bücher. Deshalb besitze ich keins. Manchmal denke ich, ein Buch lohnt sich und die Zeit, die ich reininvestiere. Meistens ist das ein Irrtum. Die Informationstiefe fehlt mir.
Wie fremd muss sie sich angesichts der präsentierten Bücherregale vorkommen.

Und doch finden sich bald Leseliebende, die zeigen, wie sie sich von Büchern verabschiedet haben. Andere, die offenbar für die Verlinkung zu spät kamen.

mons7 schreibt:
Über jedes Buch, das ich mir kaufe, blogge ich. (Dann muss ich mir die Essentials rausschreiben… und lese es intensiver)

Ein bisschen habe ich das auch versucht. Aber da ich auch über alte, ausgeliehene und geschenkte Bücher blogge und auch über E-Bücher, fehlt mir die Zeit zum Fortwerfen.
Doch da mache ich mir etwas vor: Weshalb lese ich Blogs, kommentiere und schreibe Blog- und Wiki-Artikel,die nicht von Büchern handeln. So viel Zeit, in der ich Bücher fortwerfen könnte ...

Da ich das Buch des Kriegsreichskanzlers Georg Michaelis "Für Staat und Volk" zwar fortgegeben, aber in Teilen ins Netz gestellt habe, kann ich daraus zitieren, mit welchen Worten er von der Friedensresolution des deutschen Reichstags von 1917  Abstand nahm.*
"Wenn die Feinde ihrerseits von ihren Eroberungsgelüsten, ihren Niederwerfungszielen ablassen und in Verhandlungen einzutreten wünschen, werden wir ehrlich und friedensbereit hören, was sie uns zu sagen haben." (S.327)
*"Ich war mir darüber klar, daß die Resolution in dieser Form von mir nicht angenommen werden konnte." - Georg Michaelis: Für Staat und Volk. Eine Lebensgeschichte. Berlin 1922,S. 328f.

In diesem Geiste scheinen auch jetzt wieder die Verhandlungen zwischen der Ukraine und den Separatisten zu laufen: Wenn die Gegenseite auf ihre Ziele verzichtet, sind wir "friedensbereit".

Dieser Geist hat das deutsche Kaiserreich in den Untergang und die Welt in einen zweiten Weltkrieg geführt.
Wohin wird er uns jetzt führen, wenn auch die USA, die EU und Russland an ihm festhalten?

Putin stellt Lösung bis Freitag in Aussicht, Spiegel online 3.9.14
Kiew lehnt Putins Sieben-Punkte-Plan ab, Spiegel online 3.9.14

Hier noch einmal ein Blick auf drei meiner Bücherregale.
Vor dreieinhalb Jahren habe ich einmal etwas darüber gelesen, wie man seine Bücher "präsentieren" soll:

Jetzt ein Zeitungsartikel mit der Überschrift "Bühne für Bücher", Unterüberschrift: "Zeig deine Bildung [...] für die Präsentation seiner Sammlung gibt es viele Möglichkeiten".
Präsentation?! Eine Powerpointpräsentation von Buchrücken das Bildungsideal der Zukunft?
Bücher "sammeln" wie Zigarettenbildchen und Briefmarken?
"In der Privatbibliothek spiegelt sich [...] die eigene Biografie. Diese will gut dargestellt sein [...]."

Damals habe ich weiter geschrieben:
"Nun denn, dann habe ich aufgrund der verschiedenen Formathöhen von Büchern und Regalfächern ein unordentliches Leben geführt. - Wie ordentlich ist ein Klassikerregal. Alles, was man lesen muss, in einheitlichem Format, einheitlicher Aufmachung. 
Aber natürlich, es gibt eine Lesebiografie, und die spiegelt sich auch in den Büchern, die man nicht hergeben will. Doch wie viel nicht prägende Zufälligkeiten gibt es daneben." (in: Eine Powerpointpräsentation von Buchrücken das Bildungsideal der Zukunft?)

Jetzt habe ich selbst meine Bücher "präsentiert".  Spiegelt sich darin meine Biografie?  Ein Fall für die NSA?

1.9.14

Wer wäre schuld an einem kommenden Krieg der NATO gegen Russland?

Dieser Artikel wurde auf Fonty entworfen und ist auch dort zu finden.

Die Frankfurter Rundschau titelt: Zieht Putin in den Krieg?
Die Bildzeitung:  Greift Putin nach Europa?

Wir wissen, wie man Ängste schürt und Schuldzuweisungen vorbereitet.

Die NATO wird nicht der Alleinschuldige sein. Aber der Nachweis, dass die Ukraine vor unbedachten Schritten zurückgehalten worden ist*, dürfte inzwischen nicht mehr zu führen sein.

Es sind nicht Schlafwandler, die Putin herausfordern, sondern Akteure, die den fehlenden Willen, die einzigen Machtmittel einzusetzen, die sie haben, durch forsche Worte zu ersetzen versuchen.

Weil der europäische Entscheidungsprozess so transparent ist, lässt sich deutlich erkennen, dass es in der EU keine Entscheidung für scharfe Sanktionen geben wird. Deshalb klingen starke Worte umso hohler, je schärfer sie formuliert sind. 
Desto größer muss die Angst in den jetzigen NATO-Staaten werden, die ehemals zum Machtbereich der Sowjetunion zählten.

Stephen F. Cohen hat die Lage schon im Juni so analysiert*:





§ The epicenter of the new Cold War is not in Berlin but on Russia's borders, in Ukraine, a region absolutely essential in Moscow's view to its national security and even to its civilization. This means that the kinds of miscalculations, mishaps and provocations the world witnessed decades ago will be even more fraught with danger. [...]

§ An even graver risk is that the new Cold War may tempt the use of nuclear weapons in a way the US-Soviet one did not. I have in mind the argument made by some Moscow military strategists that if directly threatened by NATO's superior conventional forces, Russia may resort to its much larger arsenal of tactical nuclear weapons. [...]
§ Yet another risk factor is that the new Cold War lacks the mutually restraining rules that developed during the forty-year Cold War, especially after the Cuban missile crisis. Indeed, highly charged suspicions, resentments, misconceptions and misinformation both in Washington and Moscow today may make such mutual restraints even more difficult. The same is true of the surreal demonization of Russia's leader, Vladimir Putin—a kind of personal vilification without any real precedent in the past, at least after Stalin's death. (Henry Kissinger has pointed out that the "demonization of Vladimir Putin is not a policy; it is an alibi for the absence of one."* I think it is worse: an abdication of real analysis and rational policy-making.) [Die Hervorhebung des Kissingerzitats stammt von Fonty] -  Patriotic Heresy vs. the New Cold War, Stephen Cohen am 28.8.14 in The Nation*

*Nato sieht Ukraine bereits als Verlierer des Konflikts, Spiegel online 1.9.14


* Die Dämonisierung Wladimir Putins ist keine politische Strategie; sie ist ein Alibi für die fehlende Strategie. 

* Kurzfassung des gesamten Artikels auf Deutsch von den Nachdenkseiten (1.9.14).
  • Cohen hält die Situation von heute für ähnlich gefährlich wie bei der Konfrontation der USA mit der Sowjetunion bei der Kubakrise. Ein Krieg zwischen der NATO, geführt von den USA, und dem heutigen Russland ist nicht mehr unvorstellbar.
  • Sanktionen heizen die Eskalation an.
  • Er wendet sich gegen die Dämonisierung Putins und macht darauf aufmerksam, dass damit kritischer zu betrachtende Kräfte in Russland gestärkt und gefördert werden.
  • Die Dämonisierung Putins führt außerdem dazu, dass die USA einen wichtigen Partner im Kreml bei der Verfolgung vitaler US-amerikanischer Sicherheitsinteressen verlieren – vom Iran, über Syrien bis Afghanistan.
  • Interessant und wichtig die Beobachtung: Anders als beim letzten kalten Krieg gibt es keine effektive amerikanische Opposition zu diesem – nicht in der Administration, nicht im Congress, nicht bei den etablierten Medien, nicht in den Universitäten, den think tanks und der allgemeinen Öffentlichkeit. Diese Beobachtung kann man mit gutem Recht auf Europa übertragen. Auch hier sind zumindest in den etablierten Medien, in den Parteien und in der Wissenschaft die Gegner eines neuen kalten Krieges in der Minderheit. Vielleicht sind die deutsche und Teile der europäischen Öffentlichkeit anders orientiert.
  • Cohen berichtet von der Stigmatisierung und der Aggressivität, denen Gegner der herrschenden Politik ausgesetzt sind. Das ist eine neue Erscheinung.
  • Er nimmt in seinem Text fünf Trugschlüsse/Irrtümer (fallacies) auseinander.
  • Und dann beschreibt er drei Alternativen zur Lösung bzw. weiteren Entwicklung der Krise um die Ukraine:
  • Erstens, die Krise eskaliert und zieht russisches und NATO-Militär in die Auseinandersetzung ein. Das wäre die schlechteste Entwicklung.
  • Zweitens: die jetzige de-facto-Teilung der Ukraine mündet in zwei ukrainische Staaten. Das wäre nicht das beste Ergebnis, aber auch nicht das schlechteste.
  • Drittens, die beste Entwicklung aus der Sicht von Cohen: Erhaltung der vereinigten Ukraine, auf der Basis vertrauensvoller Verhandlungen zwischen den Vertretern aller Regionen einschließlich der Rebellen im Südosten und unter der Aufsicht von Washington, Moskau und der Europäischen Union.
Putins militärisches Vorgehen gegen innere Gegner im 2. Tschetschenienkrieg war sicher fragwürdiger als das der ukrainischen Regierung gegen die Separatisten in der Ostukraine. Es geht nicht darum, die dort begangenen schweren Menschenrechtsverletzungen zu verharmlosen. Aber der Tschetschenienkrieg wurde im Westen allgemein verurteilt, das militärische Vorgehen der ukrainischen Regierung dagegen ermutigt. 

Hat im Unterschied zur NATO Putin eine Strategie?
Nach Ansicht der Russlandexpertin Sabine Fischer nicht. In einem Spiegelinterview (vom 29.8.14) erklärte sie:
Eine Besetzung oder Einverleibung der Ostukraine ist aus meiner Sicht nie Teil des russischen Plans gewesen. Wenn man überhaupt von einem Plan sprechen kann. Es geht um die Wahrung von Kontrolle. Russland lässt sich dabei immer tiefer hineingleiten in den Konflikt. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass die eskalierte Situation jetzt genutzt wird, um eine Landverbindung mit der Krim herzustellen.
Neuere Meldungen: 
Tweets zu #Ukraine
Putin stellt Lösung bis Freitag in Aussicht, Spiegel online 3.9.14
Kiew lehnt Putins Sieben-Punkte-Plan ab, Spiegel online 3.9.14
OSZE gibt Details des Minsker Abkommens bekannt, ZEIT online 7.9.14
Signal an Moskau: USA und Ukraine provozieren mit Manöver im Schwarzen Meer, Spiegel online 8.9.14




Über den Umgang mit Kritikern an Putins Propaganda (8.9.14)
Andrej Makarewitsch erklärte:
Wie einst in der Sowjetunion seien Medien und Gesellschaft gleichgeschaltet, Russland leiste sich jetzt eine Konfrontation mit dem Rest der Welt: "Wir haben nichts gelernt, das ist schrecklich."
In der vergangenen Woche veröffentlichte Makarewitsch einen kurzen Clip auf YouTube. "Mein Land hat den Verstand verloren", heißt es da. "Aber ich kann ihm nicht helfen."
Quelle: Propaganda im Ukraine-Konflikt: Intellektuelle fliehen aus Putins Russland, Spiegel online 8.9.14

Offenbar wird von beiden Seiten ein intensiver Propagandafeldzug betrieben. Noch aber besteht die Hoffnung, dass der Konflikt durch Verhandlungen beigelegt werden kann.

28.8.14

Moralische Verpflichtung zu Waffenlieferungen?

Dieser Artikel wurde im Blog Fontanefans Schnipsel entworfen und bleibt dort unter seinem ursprünglichen Titel auch weiterhin stehen.

Angesichts des Menetekels des Ersten Weltkieges, der augenblicklich intensiv diskutiert wird, und angesichts des Scheiterns der (angeblich?) humanitären Interventionen  in Afghanistan und im Irak sowie der katastrophalen Ergebnisse der Förderung von Bürgerkriegsparteien in Libyen und Syrien entdecken die Deutschen für sich "The White Man's Burden".




"Ergreift des weißen Mannes Bürde
die bestialischen Kriege des Friedens"

Dies Gedicht schrieb Kipling 1899, weil viele Amerikaner der nach dem Spanisch-Amerikanischen-Krieg von 1898 einsetzenden imperialen Ausdehnung zögerlich gegenüber standen.
Im Endeffekt lief  "The White Man's Burden" darauf hinaus, dass Zigtausende von Soldaten aus den Kolonien den Opponenten des Ersten Weltkrieges helfen mussten, ihre Schlachten zu schlagen. So wie Deutschland sich "am Hindukusch verteidigt"* hat, durften indische Soldaten in europäischen Schlachten verbluten.
Es ist nicht so, dass die Katastrophe des Ersten Weltkrieges überraschend hereinbrach. Nach wiederholten Friedenskongressen im 19. Jahrhundert kam es ab 1890 zu einer Serie von Weltfriedenskongressen. Für 1914 war ein weiterer geplant. Wegen des Krieges musste er ausfallen.

Gegenwärtig ziehen sich die Europäer aus den Kriegseinsätzen, in die sie sich überstürzt hinein begeben hatten, wiederum überstürzt zurück.
Dafür haben sie jetzt Waffenlieferungen in Krisengebiete als angeblich sinnvolles Mittel der Friedensstiftung entdeckt. Eine jahrzehntelange Tradition soll abgebrochen werden. Und angesichts der erdrückenden Mehrheit der Großen Koalition scheut man sich sogar nicht einmal, diesen Wahnsinn durch das Parlament absegnen zu lassen. Ja sogar in der Opposition entdecken manche Grüne den "Charme" von Waffenlieferungen zur Sicherung wichtiger Ölfelder. Noch hat die Bundeswehr ja nicht genügend Drohnen, um so etwas ohne Stellvertreterkrieger erledigen zu lassen.


*"Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt", betonte Verteidigungsminister Peter Struck (Dirk Eckert 13.12.2002)

Helmut Schmidt über die Responsibility to protect ("Schutzverantwortung"): "Ein schlimmes Schlagwort, das zwar idealistisch klingt, aber zugleich den Vorwand für Interventionen in dritte Staaten liefert." (ZEIT, 28.8.14)


Anhang:

25.8.14

Endspurt zur Wahl des Lehrerblogs 2014?

Nach Lage der Dinge wird die Wahl durch ein oder zwei Stimmen Unterschied entschieden werden. Das finde ich nicht schlimm; denn es ging mir nur darum, möglichst viele Lehrerblogs bekannt zu machen und eine Anlaufstelle zu schaffen, wo man sich über Lehrerblogs informieren kann und wo man auf seinen Blog hinweisen kann. Das ist mit dem Artikel Lehrerblogs im ZUM-Wiki jetzt gegeben. Er ist am 25.8. deutlich über 10 000 mal aufgerufen worden. Das hat sicher dazu beigetragen, dass die Kenntnis über Lehrerblogs zugenommen hat.

Dass ein Blog wie Herrn Raus Lehrerzimmer über eine solche Aktion wesentlich bekannter wird, kann man freilich ausschließen. Dasselbe gilt für alle anderen Blogs, die ich unter Eulen nach Athen tragen vorgestellt habe. Außerdem auch für einige andere, aber da brauche ich mich nicht festzulegen. Es ging mir aber um die Blogs, die bisher weniger stark frequentiert werden.

Am angekündigten Wahlmodus werde ich nichts ändern: Jeder Lehrerblogger hat eine Stimme bei der Wahl, sonst niemand.
Aber die Anregung, eine Wahl nach einzelnen Disziplinen durchzuführen, möchte ich weitergeben. Ob nächstes Jahr oder in 5 Jahren, gewiss wird man dann einen anderen Wahlmodus wählen.

Um aber doch noch ein bisschen Leben in die Wahl zu bringen, schlage ich vor, dass jeder, der Lust dazu hat, eine Mail mit 3 bis 5 Blogtiteln an Fontane44(at)web.de schickt. Wenn sie klar nummeriert sind, zählt die erste Stimme für die Gesamtwahl des Lehrerblogs 2014, die weiteren dienen dazu, die Popularität weiterer Blogs anzudeuten. Außerdem kann man in der Mail angeben, welche Blogs man als Sieger in ihrer Spezialdisziplin (z.B. Grund-, Haupt-, Real-, Gesamt-, Gemeinschaftsschule, Gymnasium, Klassenblog, Mathe, Englisch ...) sehen möchte.
Wenn dabei der Name des eigenen Lehrerblogs* angegeben ist, zählt die Wahl auch für den Gesamtsieger, sonst nur für die Spezialdisziplin. (Dabei dürfen auch Nicht-Lehrerblogger mitstimmen.)

*Gültig ist natürlich nur die erste Stimme, die im Namen eines Lehrerbloggers abgegeben worden ist.
In der Wikipedia würde man natürlich sagen: Das ist keine Wahl, sondern allenfalls ein Meinungsbild. Mehr soll es ja auch nicht sein.

Wie angekündigt: Meine Auswertung erfolgt nach dem Ende der bayrischen Sommerferien, aber nicht unbedingt pünktlich am ersten Tag.

Sieh auch:
Wahl des Lehrerblogs 2014 (erster Artikel)


14.8.14

Wikipedia, Journalismus und angebliche Forschung

"Am 29. Juli erschien in der Neuen Zürcher Zeitung ein Artikel, der sich wohlwollend mit der Wikipedia, insbesondere dem Schutz vor Fakes, Vandalismus und Werbung befasst. Die NZZ berichtete von vier Falscheinträgen, die von Studierenden der Uni Gießen zu Testzwecken in der Wikipedia untergebracht worden waren. Drei Fake-Artikel und eine unrichtige Aussage seien schnell oder nach einigen Wochen gelöscht worden, heißt es da mit einem Lob für die funktionierende Kontrolle innerhalb der Wikipedia."

So beginnt ein Artikel im Wikipedia Kurier, in dem scharfe Kritik an der Produktion von Fehlern in der Wikipedia für angebliche Forschung geübt wird. Man kann ihn dort nachlesen. 

12.8.14

Der wohltätigkeitsindustrielle Komplex setzt mehr Geld um als der Rüstungssektor

Das gilt jedenfalls für die USA. Ein wesentlicher Faktor ist dabei die Stiftung von Bill Gates, die u.a. weltweit Malaria bekämpft und an der sich Warren Buffet mit einem Milliardenbetrag beteiligt hat. 
Prominentester Kritiker des wohltätigkeitsindustriellen Komplexes ist Warrens Sohn Peter Buffet, der im Sommer 2013 in der New York Times die Aktivitäten  Charitable-Industrial (wohltätigkeits-industriell) Complex kritisch beleuchtete und von philanthopic colonialsm (Mäzenatenkolonialismus) und conscience laundering (Gewissenswaschanlage) sprach.

Wohltätigkeit erleichtere die Entscheidung für moralisch fragwürdige Geschäfte. Selbst Mikrokredite hätten den fragwürdigen Effekt, mehr Menschen in das System von Kredit und Zinsen einzubinden. (vgl. Graeber: Schulden)*

Zu diesem Zusammenhang sieh auch Heike Buchter "Fluch des Geldes" (ZEIT Nr.33, 7.8.14, S.24), auf den mein Blogeintrag sich - neben Wikipediabeiträgen - stützt. 

Zur Behauptung in der Überschrift dieses Blogbeitrags:
Das Urban Institute sieht den Beitrag der gemeinnützigen Institutionen bei 800 Milliarden Dollar, den des Rüstungssektors bei rund 400 Milliarden.

*Peter Buffet folgt übrigens nicht der Theorie David Graebers, dass es Tauschhandel erst nach der Erfindung des Geldes gegeben habe, vorher sei mit einfachen Formen des Kredits gearbeitet worden. Laut ZEIT sagte er. "Es wird immer Märkte geben, Menschen haben schon seit Urzeiten getauscht und gehandelt." Buffet geht es nicht um eine Abschaffung des Kapitalismus, sondern darum, ihn menschlicher zu gestalten.
(Wenn der ZEIT-Artikel im Internet zur Verfügung steht, soll er hier verlinkt werden.)

6.8.14

Augusterlebnis 1914

100 Jahre nach Kriegsbeginn, 57 Jahre nach Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sollte ein weniger verzerrtes Bild des "Europäischen Bürgerkrieges", wie man den Ersten und Zweiten Weltkrieg zusammenfassend genannt hat, möglich sein.
Wie von Verteidigern der Fischerschen Thesen in der Diskussion über "Griff nach der Weltmacht" schon damals angedeutet wurde, hat die Öffnung der Akten anderer europäischer Staaten eine klarere Sicht auf die Kriegsbereitschaft auch in diesen Staaten möglich gemacht. Christopher Clarks hat in "Die Schlafwandler"* den kollektiven Weg in den Krieg dargestellt. Den Versuch, daraus eine Unschuldsthese für die deutsche Führung von 1914 zu basteln, wurde zu Recht zurückgewiesen.* Im Einzelnen wird die wissenschaftliche Diskussion weitere Differenzierungen erbringen.
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                       Meldungen vom August 1914
Beispiele:

Paris, 1. August. Gestern Abend gab ein gewisser Raoul Villain in einem Kaffeehaus mehrere Revolverschüsse auf den Sozialminister Jaurès ab. Jaurès wurde am Kopf getroffen und starb bald darauf. Der Mörder ist 29 Jahre alt und Sohn eines Schreibers am Zivilgericht in Reims.[...] " ("Ein Edelopfer des internationalen Blutrausches" Vorwärts 2.8.1914)

  "Die Dinge nehmen ihren unerbittlichen Verlauf. Ganz Europa gleicht nach der allgemeinen Moblilisierung einen einzigen Heerlager. Die Eisenbahnen und alle anderen Verkehrmittel dienen jetzt dazu, Millionen von Bewaffneten nach den Stätten kriegerischer Entscheidungen zu tragen. Die ersten Vorpostengeplänkel haben eingesetzt, bald wird die Kunde von großen Schlachten und gewaltigen Menschenopfern die Welt durchdringen.„Es ist grauenvoll, diesen weltgeschichtlichen Wahnsinn bis in seine letzten Konsequenzen auszudenken.“ So schrieb die „Vossische Zeitung“ heute Abend. Wir können ihr nur rückhaltlos zustimmen.Milliardenwerte und unabschätzbare Kulturgüter, millionenfache Menschenkräfte und unabwägbares Menschenglück werden jetzt einem Vernichtungswerk geopfert, dem an gigantische Größe kein gleiches in der Weltgeschichte zur Seite zu stellen ist. Söhne unseres Volkes, darunter viele Freunde unserer Sache sind es, die das blutige Ringen ausfechten müssen. Wirtschaftsleben und Familienglück liegen überall darnieder. [...]" (Die eisernen Würfel rollen, Vorwärts 3.8.1914) 

  "Halbamtlich wird mitgeteilt: „Heute, Dienstag nachmittag, kurz nach der Rede des Reichskanzlers, in der bereits der durch das Betreten belgischen Gebiets begangene Verstoß gegen das Völkerrecht freimütig anerkannt und der Wille des Deutschen Reiches, die Folgen wieder gut zu machen, erklärt war, erschien der großbritannische Botschafter Sir Edward Goschen im Reichstag, um den Staatssekretär v. Jagow eine Mitteilung seiner Regierung zu machen. In dieser wurde die deutsche Regierung um alsbaldige Antwort auf die Frage ersucht, ob sie die Versicherung abgeben könne, daß keine Verletzung der belgischen Neutralität stattfinden würde. Der Staatssekretär v. Jagow erwiderte sofort, daß dies nicht möglich sei, und setzte nochmals doe Gründe aneinander, die Deutschland zwingen, sich gegen einen Einfall einer französischen Armee durch Betreten belgischen Bodens zu sichern. Kurz nach 7 Uhr erschien der großbritannische Botschafter im Auswärtigen Amt, um den Krieg zu erklären und seine Pässe zu fordern. [...]" ("England erklärt Deutschland den Krieg" Berliner Tageblatt 5.8.14)
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 Bemerkenswert erscheint mir in diesem Kontext ein Artikel  in der Frankfurter Rundschau vom 2.8.14 (publiziert wurde er im Rahmen der sehr verdienstvollen Artikelserie der FR zum Ersten Weltkrieg):
"Das Begehren nach dem Blutopfer" von Christian Thomas.
Darin schreibt er über das Augusterlebnis 1914 "von einer ungeteilten kollektiven Euphorie kann keine Rede sein", trägt dann aber eine Menge Belege für die Bereitschaft, sich für 'Volk und Vaterland' zu opfern, zusammen. Dazu gehört, dass die sozialdemokratischen Abgeordneten trotz ihres Boykotts der Reichstagssitzung, in der Wilhelm II. den Kriegsbeginn rechtfertigte, dann doch - mit zwei rühmlichen Ausnahmen - den Kriegskrediten zustimmte. Ja, sogar die Deutsche Friedensgesellschaft habe sich der allgemeinen Opferbereitschaft nicht entgegenstellen wollen. (Hier hätte mich ein Beleg sehr interessiert.)
Dass in der Bevölkerung die Trennung von Vätern, Söhnen und Brüdern nicht allgemein begrüßt worden ist, dass man ihrem Tod nicht allgemein freudig entgegengesehen hat, darf als sicher gelten, auch wenn öffentliche Organe nicht darüber berichtet haben und die Filmbilder von jubelnden Kriegsfreiwilligen das nicht dokumentiert haben. Die Euphorie war nicht ungeteilt. Doch das "August-Erlebnis" hat Thomas eindrucksvoll belegt.

Aus Harry Graf Kesslers Tagebuch aus den ersten Augusttagen 1914:

"Die Menge macht einen weit sichereren, weniger berauschten Eindruck als gestern. Die Sicherheit, dass es in den Krieg geht, hat Alle gefestigt. [...] 1.8.1914

Die Stimmung hier beim Regiment ist dieselbe wie in Berlin; eine ruhige, heitere Zuversicht ohne Rausch: man weiss, dass der Krieg furchtbar sein wird, dass wir vielleicht zeitweise Rückschläge erleiden werden, vertraut aber auf die Charakter Eigenschaften der Deutschen, auf Pflichterfüllung, Ernst und Beharrlichkeit, dass sie uns schliesslich den Sieg erringen müssen.  [...] Alles ist sich klar darüber, dass dieser Krieg Deutschland die Weltherrschaft oder den Untergang bringen muss. Seit Napoleon ist kein so hohes Spiel gespielt worden.  [...] 3.8.1914

vergleiche auch: 2.8.1914 und 4.8.1914

T. Bendikowski ZEIT Nr.01/2014
K. Pätzold in der jungen welt 1.8.2014 über das Augusterlebnis


Dieser Blogeintrag erschien in kürzerer Form zuerst unter
Fontanes Schnipsel.
In der ergänzten Form lädt er jetzt meiner Meinung nach
genügend zum Quellenstudium ein, dass man sich auch als
historischer Laie ein Bild von der von Besorgnis wie von
Kriegsbegeisterung gekennzeichneten Stimmung machen kann.
Man wird sich kein fundiertes historisches Urteil bilden können,
aber doch wohl einseitigen Darstellungen nicht mehr
ohne weiteres vertrauen.

*Clarks Titel spielt auf Hermann Brochs Trilogie 
"Die Schlafwandler" an.
* Dazu u.a. Jens Jessen: Das Märchen vom Revisionisten, ZEIT 14.8.14
Daraus ein Zitat:
"Die Ahnung, dass Politiker heute angesichts ähnlicher Konflikte nicht souveräner und moralischer handeln als unsere Vorväter, setzt eine Melancholie frei, die jeden Fortschrittselan hemmt."

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Besonders anschaulich Sebastian Haffners
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