6.10.14

Kurz erinnert: Manager 2007

Sy Schlüter von der CAI Analyse und Beratungs GmbH, seit 1994 in Hedgefonds tätig, erläuterte am 31.3.2007 in der Jugendzeitschrift Fluter nur wenig verklausuliert, dass er als Hedgefondsmanager versuche, den Aktienkurs einer Firma, die in Schwierigkeiten sei, noch weiter zu drücken und dass er einer gesunden Firma so viel Kapital zu entziehen versuche wie nur irgend möglich, ohne sie direkt in den Ruin zu treiben. 

Dass „Anteile eines Mittelständlers mit geliehenem Geld gekauft“ und „die Schulden für das geliehene Geld dem Mittelständler aufgebürdet werden“, hielt er nämlich durchaus nicht für unmoralisch oder gefährlich. Kritisch wurde es für ihn erst, „wenn die Umsätze nicht mehr genügen, um die Schuldenlast zu bezahlen. Einst gesunde Unternehmen können dann pleitegehen.“ Doch dann fuhr er fort: „Aber ich glaube: Auch das wird langfristig der Markt regeln. Schließlich entsteht dort, wo ein Unternehmen pleitegeht, auch die Chance auf etwas Neues.“


Und dabei blieb er nicht stehen. Auch die Demokratie wollte er durch den allgewaltigen Markt und die segenbringende Börse ersetzt wissen: „Da jede Aktie eines Unternehmens eine Stimme hat, drücken sich in den Kursen immer die Entscheidungen der Mehrheit aus, der Aktienmarkt ist daher für mich Demokratie.“

Es ist also nicht so, dass unbekannt gewesen wäre, wer die Feinde unserer Demokratie waren. Sie wurden mit Millionensummen dafür bezahlt, dass sie Wirtschaftsunternehmen in den Konkurs trieben und dass sie unsere Demokratie unterhöhlten. Und sie haben es schon damals ganz offen zugegeben.
(Erstveröffentlichung 22.4.2009)

Was hat sich seitdem geändert?
Wir reden nicht mehr über Finanz- und Eurokrise, sondern über Kriege. 
Wodurch die entstanden sind, ist schwer aufzudröseln. Doch dass die Finanzkrise und der Versuch, sich international rücksichtslos durchzusetzen auf ähnliche Mentalitäten zurückgeht, scheint mir nicht unwahrscheinlich.
Und zwar auf beiden Seiten.

Nachtrag:
"Die Menschheit hat andere Probleme zu bewältigen als die, die nur durch staatlich begünstigete Zockerei auftreten konnten."
(Hier ist die Erstveröffentlichung noch älter: 25. Februar 2009)

4.10.14

Wie viele Produkte braucht ein Kunde?

Discounter wie Aldi und Lidl bieten etwa 15 000 Produkte an, Vollsortimenter etwa 55 000.
Wer nach einer Warenumstellung bei seinem bewährten Supermarkt versucht hat, sich zu orientieren, weiß ein Lied davon zu singen. Nicht überall kennen sich Verkäufer in ihrem Laden aus und immer seltener sind sie bereit, einem wirksam bei der Suche zu helfen.
Spekulative Produkte für Privatanleger gibt es 1,2 Millionen. Da kennt sich der Verkäufer nur noch in dem Spektrum aus, wo er zu verkaufen sucht.

Nicht dass die Verkäufer gierig wären; Aber es fällt sehr schwer, wochenlang "schlechter" zu sein als der Kollege, wenn Umsatzziele gesetzt sind. Da ist die Versuchung, die Kunden nicht zu beraten, sondern zu verraten unheimlich groß, wenn offenbar alle anderen es auch so machen.
Ethik orientiert sich am Umfeld. Nur wenige halten an ethischen Grundsätzen fest, die von allen anderen im Umfeld als völlig deplatziert empfunden werden.

Und das politische System ist - besonders in der EU - so organisiert, dass sich kollektive Beschlüsse immer an dem Partner orientieren, der den geringsten Widerstand gegen seine Lobby leistet. (vgl.
Nina Luttmer: Die Beschützer der Finanz-Zocker, FR 22.5.14)
Dass Politiker immer häufigen nahezu direkt von der Regierung in die Lobby wandern und von dort auch ihre Kollegen bearbeiten, trägt nicht eben dazu bei, deren Widerstandskraft zu stärken. Schließlich hoffen nicht wenige ihrerseits darauf, auch einen solch attraktiven Lobbyposten zu bekommen. (Manchmal tut's auch ein Vorstandsvorsitz.)

Aktuell zum Thema:-

Nina Luttmer: "Die Banker leben in ihrer eigenen Welt" (über Fähigkeiten, die in der Finanzwelt verloren gehen. FR 4./5.10.14)

Aus dem Jahr 1999:
Die Gerechtigkeitsfalle, Spiegel 1999/37 vom 13.9.99

27.9.14

Das TTIP steht nicht allein

[...] der Handelsexperte verweist auf rund 500 regionale und bilaterale Abkommen, die weltweit den Handel zwischen Volkswirtschaften erleichtern. Das Handelsabkommen, eigentlich ein Sonderfall, ist aus der globalisierten Wirtschaft nicht mehr wegzudenken: "Die eigentliche Ausnahme ist zur Regel verkommen", sagt Langhammer.
Diese Verträge gibt es zwischen den großen Volkswirtschaften, aber auch mit ökonomischen Zwergen wie Mazedonien, Andorra oder Sambia. Seien es Elektrogeräte, Fischmehl, Rasenmäher oder Poloshirts: Handelsverträge sorgen maßgeblich dafür, dass unsere Regale so bunt – und bezahlbar – gefüllt werden können. Für Deutschland wichtige Verträge wurden in letzter Zeit mit Südkorea, Mexiko und Kanada abgeschlossen. (AXEL HANSEN UND OLGA GALA: TTIP ist überall, 18.7.2014, Hervorhebungen von mir.)
Weil die Welthandelsorganisation (WTO) wegen Widerstand von Staaten aus der Dritten Welt nicht so vorankommt, wie sich die Konzerne das vorstellen, werden Einzelabkommen geschlossen, wo der jeweils stärkere Partner größere Chancen hat, sich mit seinen Interessen durchzusetzen.
Bemerkenswert, dass das alles praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit geschieht.

Auch geostrategische und politische Überlegungen spielten eine große Rolle, sagt Gabriel Felbermayr vom ifo Institut in München. So seien die Verträge mit den ehemaligen Ostblockstaaten Ukraine oder Moldawien zwar politisch wichtig, seien ökonomisch aber nachrangig. "Moldawien hat einen sehr kleinen Markt und ist ein failed state", urteilt Felbermayr. Und auch die größere, aber marode Volkswirtschaft Ukraine sei als Absatzmarkt eher uninteressant. (AXEL HANSEN UND OLGA GALA: TTIP ist überall, 18.7.2014, Hervorhebungen von mir.)
Ursprünglich sei es darum gegangen, Firmen in Ländern ohne rechtsstaatliche Prinzipien zu schützen. Der klassische Fall: Eine sozialistische Regierung in Südamerika will die Mine eines westlichen Bergbaukonzerns verstaatlichen. Weil das Unternehmen vor lokalen Richtern keine Chance auf eine faire Behandlung haben dürfte, kann es vor ein Schiedsgericht ziehen und dort Schadenersatz einklagen. Soweit findet das auch Scherrer nachvollziehbar. [...]
Doch heute würden spezialisierte Anwaltskanzleien immer stärker gegen normale Gesetze zu Felde ziehen.* Berühmt geworden ist die Klage Vattenfalls gegen den deutschen Atomausstieg. Ägypten droht eine empfindliche Zahlung, weil der französische Wasser- und Energieriese Veolia das Gefühl hat, die Regierung in Kairo greife rechtswidrig in die Wirtschaftsbedingungen ein. Der Tatbestand: Die Nordafrikaner haben den Mindestlohn angehoben – auf umgerechnet 72 Euro im Monat.
Dabei ist das Abkommen, auf das sich die Franzosen berufen, noch nicht einmal neu, es stammt von 1974. Es wird heute nur anders interpretiert.   (AXEL HANSEN UND OLGA GALA: TTIP ist überall, 18.7.2014, Hervorhebungen von mir.)
Das Schiedsgerichtsverfahren im Video erklärt (18 Sekunden)

*Ein Milliardengeschäft für findige Anwälte, ZEIT, 27.11.12

22.9.14

Das TTIP ist kein Tarifvertrag


"Das Freihandelsabkommen darf Arbeitnehmerrechte, Verbraucherschutz-, Sozial- und Umweltstandards nicht gefährden. Einen Dumping-Wettbewerb, bei dem Staaten und Unternehmen sich Vorteile über Sozial- und Umweltschutzdumping verschaffen, lehnen wir ab."

Wenn man das wirklich ernst meint, dann darf man nicht als Juniorpartner bei Verhandlungen mitmachen, auf die man keinen entscheidenden Einfluss hat.

Angela Merkel hat gesagt: Überwachung durch die NSA "geht gar nicht", "Mit mir gibt es keine Pkw-Maut". 

Dann wird es mit ihr auch "Dumping-Wettbewerb, bei dem Staaten und Unternehmen sich Vorteile über Sozial- und Umweltschutzdumping verschaffen" geben. 

Wer bei solchen Verhandlungen als kleiner Assistent (Juniorpartner der EU kann sich die SPD nicht nennen) mitmacht, kann sich nicht herausreden, er habe nicht wissen können, dass er sich nicht durchsetzt. Ein Freihandelsabkommen mit den USA ist kein Mittel für Umweltschutz und die Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten.
Und schon gar kein Tarifvertrag.

Übrigens: Ich bin ein Handelshemmnis. Sie auch?

Wie angekündigt, werden in diesem Blog jetzt häufiger auch nicht schulbezogene Themen auftauchen. Das heißt nicht, dass diese Themen für die Schule keine Bedeutung haben sollten.

20.9.14

Ergebnis der Wahl zum Lehrerblog 2014

1. Sieger der Wahl (nach Lehrerbloggerstimmen) ist der Blog Frau Hilde.

2. Diese Wahl ist - wie sich schon lange abzeichnete - denkbar knapp ausgegangen.*

3. Bei der Abstimmung in Google drive (wo die Herkunft der Stimmen nicht bestimmt werden kann) hat der Histoproblog über 100 Stimmen mehr als die Nächstplatzierten Kuschelpädagogik und Zaubereinmaleins bekommen.*

4. Im Laufe des Wahlvorgangs wurden über 200 Lehrerblogs auf der Seite Lehrerblogs im ZUM-Wiki eingetragen. Diese Seite ist inzwischen über 11 000 mal abgerufen worden.


Lehrerblogs sind gegenwärtig wohl nicht das Leitmedium, über das Lehrer im Internet kommunizieren. Sie sind aber ein wichtiges Instrument, um die Sicht von Lehrern auf ihre Berufspraxis zu veröffentlichen und in aktuelle didaktische Diskussionen Einblick zu geben.

Dass der Blog Frau Hilde (zum Bedauern einer großen Zahl von Fans unter den Lehrerbloggern) privat gestellt worden ist, ist ein Zeichen dafür, dass öffentliches Bloggen und der Lehrerberuf nicht leicht mit einander zu verbinden sind.

Umso wichtiger erscheint es mir, dass Lehrerblogger sehen, dass sie weniger vereinzelt sind, als es ihnen manchmal erscheinen mag, und dass in den letzten vier Jahren mehr neue Blogs hinzugekommen sind als in irgendeinem entsprechend langen Zeitraum in der Geschichte deutscher Lehrerblogs.

Die Kritik an der Lehrerblogwahl diese Jahres kann ich gut verstehen: Schwer zu handhabendes Verfahren, kein valides Kriterium für Qualität und Beliebtheit und schließlich: Wozu eine Wahl zwischen so unterschiedlichen Blogs mit so unterschiedlichen Zielsetzungen und so unterschiedlichem Publikum? Doch im Laufe dieses Wahlvorgangs wurden über 100 Blogs besser bekannt und die Aufmerksamkeit für neu entstandene Blogs stieg (das zeigt sich nicht nur am Besuch der ZUM-Wiki-Seite, sondern auch an Kommentaren untereinander).

Zum Schluss eine Anmerkung in eigener Sache: In den letzten Blogeinträgen sind pädagogische Fragen eher in den Hintergrund getreten. Das liegt zum einen daran, dass ich jetzt schon ziemlich lange nicht mehr unterrichte, zum anderen daran, dass ich mittelfristig meine wichtigeren Blogeinträge nicht mehr wie bisher auf fünf, sechs Blogs verteilen, sondern in diesem Blog zusammenführen will. Wie weit es dazu kommt, wird sich zeigen.

* Sieben Blogs lagen nur eine Stimme hinter Frau Hilde.
* Wenn ich richtig gezählt habe, erhielt der Histoproblog 126, der Blog Kuschelpädagogik 8 und das Zaubereinmaleins 6 Stimmen. 

Wikipedia traut sich nicht

Ein zusammenfassender Wikipediaartikel basiert auf Wikipediaartikeln mit Einzelbelegen aus diesen Wikipediaartikeln wird abgelehnt. Lieber keinen Artikel zu dem Thema als einen, der sich auf Wikipediaartikel (wie z.B. Geschichte AmerikasGeschichte Indiens oder Römisches Reich) verlässt. Denn solch ein Artikel wäre Theoriefindung und widerspräche den Prinzipien der Wikipedia.

Denn der Wikipedia ist nicht zu trauen, Wikipediaartikel sind keine zulässige Grundlage, insbesondere, wenn es Artikel aus einer anderen Sprachsektion sind, aber auch die aus der eigenen.

12.9.14

Die EU-Kommission lässt Bürgerinitiative zu Freihandelsabkommen nicht zu.

Die EU-Kommission hat den Vorstoß eines Aktionsbündnisses gegen das geplante Handelsabkommen TTIP zwischen Europa und den USA zurückgewiesen. Das Bündnis Stop TTIP erfülle nicht die Voraussetzungen für eine Europäische Bürgerinitiative (EBI), sagte der Sprecher des scheidenden EU-Handelskommissars Karel De Gucht am Donnerstag auf Anfrage. Eine Bürgerinitiative könne zwar gegen EU-Gesetze vorgehen, nicht aber "das Tun der Kommission stoppen", sagte der Sprecher.  (ZEIT online, 11.9.14 - Hervorhebung von mir)
(dazu  auf der Internetseite der Kommission)

Hier wird dramatisch deutlich, worin die große Gefahr des geplanten Freihandelsabkommens zwischen EU und USA liegt: in der Beseitigung des Einflusses demokratisch gewählter Gremien und der Bevölkerung auf wirtschaftspolitische Entscheidungen.
Wenn das Abkommen erst einmal geschlossen ist, können Konzerne von Staaten Milliardenbeträge einklagen, wenn diese neue Regelungen zum Umweltschutz einführen. Dagegen gibt es keine Berufung, denn die Entscheidung trifft kein Gericht, sondern eine internationale Kommission, die nicht rechenschaftspflichtig ist.

Geplant ist, die Beseitigung von Demokratie in allen Bereichen, die den Profit großer Konzerne schmälern könnten. (Stichwort: Investitionsschutzabkommen)


vgl. dazu:
Bevor das Bündnis „Stop TTIP“ die Zulassung der EBI beantragt hat, hat es ein Rechtsgutachten bei Professor Bernhard Kempen eingeholt. Kempen ist Direktor des Instituts für Völkerrecht und ausländisches öffentliches Recht an der Universität Köln. Sein Ergebnis: „Eine EBI mit dem Ziel, TTIP und CETA zu verhindern, ist rechtlich zulässig.“ 

Dass eine Bürgerinitiative im Sinne des Lissabonner Vertrages zulässig  ist, kann mich freilich nicht beruhigen. Umso schlimmer ist es nämlich, wenn die Kommission sie zurückweist. 
Der Konflikt geht jetzt nicht mehr allein und das TTIP, sondern zusätzlich allgemein um die demokratischen Einflussmöglichkeiten auf das Handeln der EU allgemein.