6.12.10

Der deutsche Geist und das Christentum. Vom Wesen geschichtlicher Begegnung

Die Formulierung  "der deutsche Geist", 1938 im Jahre der Reichspogromnacht  von einem deutschen Universitätslehrer gebraucht, der sich 1933 zu Hitler bekannt haben soll, weckt den Verdacht, hier schreibe ein Mitläufer der Nazis. Doch diese Schrift von Theodor Litt bewahrt eine bemerkenswerte Unabhängigkeit, die Litt wohl nur möglich war, weil er im Jahr zuvor seine vorzeitige Versetzung in den Ruhestand erreicht hatte.
Statt einer NS-Bekenntnisschrift erwartet den Leser eine kritische Auseinandersetzung mit Alfred Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts, freilich eine unpolemische.
Den in der damaligen Zeitsituation an sich nicht vorhandenen, für die Kritik aber notwendigen Argumentationsspielraum gewinnt Litt dadurch, dass er seine Haltung deutlich von der eines gläubigen Christen absetzt. Er betrachte das Christentum als geschichtliche Erscheinung und nicht, wie der Gläubige es müsse, als eine aller Zeitlichkeit überlegene Erhebung zum Transzendenten.
Seine Kritik an Rosenberg setzt an dessen Verständnis von Artgerechtheit an. Wenn es die einzige Aufgabe des Menschen sei, seiner Art gerecht zu werden und sie nicht zu verfehlen, dann könne er sich nicht zu etwas Höherem entwickeln. Das werde nur möglich durch die Begegnung mit etwas anderem.
Der Mensch sei nicht völlig bestimmt durch sein Erbgut, denn dann unterschiede er sich nicht vom Tier, aber auch nicht allein durch seine Umwelt geprägt, denn dann sei er unfrei. Vielmehr befinde er sich in einer Zwischenposition, wo er wählen könne, worauf er sich einlasse, wem er begegnen wolle. Förderlich für eine Entwicklung sei immer, wenn das Gegenüber besser oder größer sei als das Ich. ("Die Sicherheit also, in die das Evangelium der Selbstentfaltung den Menschen einwiegen möchte, ist eine Selbsttäuschung." S.29)

Entsprechendes gilt nach Litt auch für Völker und Kulturen. Eine solche Begegnung sei nicht rückgängig zu machen, indem man einfach eine neu entstandene obere Schicht abtrage und zu dem Urgrund seines Wesens zurückkehre, denn eine Begegnung erfasse immer den ganzen Menschen. So habe auch das Christentum die abendländische Kultur erfasst, so dass es "auch da noch fortwirkt, wo jeder Gedanke an Evangelium, Bekenntnis und Kirche ferne ist" (S.56).
Am Schluss kritisiert er von daher ganz allgemein "gewisse Formen humaner Lebensdeutung und Lebensausrichtung", wenn sie nicht auf die Begegnung mit dem Anderen ausgerichtet seien, und betont "wie streng alles Menschliche, sofern es seine Bestimmung erfüllen will, auf das "Andere" angewiesen ist, das seiner Verfügung nicht untersteht." (S.58)

Von heute aus gesehen verwundert die von der geisteswissenschaftlichen Pädagogik herkommende völlig unempirische Argumentation, mit der über Erb- und Umwelteinflüsse reflektiert wird. Zumal eine Aussage über die christlichen Völker und Einflüsse auf ihre Seele erscheint uns heute recht wolkig. ("Den christlichen Völkern ist, solange eine unerschütterliche Glaubensgewißheit in ihrem Leben die Führung hatte, dieser Anspruch und Auftrag umso tiefer in die Seele gedrungen, je weiter dieser Glaube das Göttliche vom Irdischen abrückte und je inbrünstiger er, gleichwohl und gerade deshalb, zu dem unendlich Fernen hin- und empordrängte." S.47)
Es ist aber eine Argumentation, die keine Kompromisse mit dem nationalsozialistischen Ungeist eingeht und die beweist, dass auch vom konservativen Standpunkt aus noch 1938 Kritik an nationalsozialistischen Positionen möglich war.

Theodor Litt: Der deutsche Geist und das Christentum. Vom Wesen geschichtlicher Begegnung, Leopold Klotz Verlag, Leipzig (3. und 4. Tausend) 1938, 63 S.

Wolfgang Klafki geht in seinem Aufsatz Die gegenwärtigen Kontroversen in der deutschen Erziehungswissenschaft über das Verhältnis der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik zum Nationalsozialismus, Marburg 1998 kurz auch auf Theodor Litt ein und stellt heraus, dass er sich nicht vom Nationalsozialismus habe korrumpieren lassen.

Kommentare:

Dr. Peter Gutjahr-Löser hat gesagt…

Die bei Ernst Klee abgeschriebene Behauptung von Walter Böhme, Theodor Litt habe sich 1933 zu Hitler bekannt, ist inzwischen als Fälschung des sächsischen NS-Lehrerbunds entlarvt worden. Litt hat im Gegenteil in einer Seminarsitzung im Mai 1933 mit folgenden Formulierungen vor der Rassenideologie gewarnt: "„ … Soll ich mich unter die Hakenkreuzfahne stellen, soll ich die Rechte zum Himmel emporrecken und mit beschwörender und flehender Stimme ausrufen: ‚Liebe Freunde, ich bin auch bei euch, ich bin auch national!‘? Sieht man denn nicht ein, welche Würdelosigkeit dahinter steckt; daß man sittlich Unmögliches von mir verlangt? Was fordert man? Man fordert bedingungslose Unterwerfung unter das Parteiprogramm, unter alle Punkte des Parteiprogramms! Das ist für mich unmöglich, das kann ich einfach nicht! Gewiß, ich bin der letzte, der das, was an Gutem vorhanden sein mag, nicht freudig begrüßte. Aber vielen Sachen kann ich einfach nicht zustimmen, insbesondere nicht dem Rassenprinzip. Das ist krasser Biologismus. Und der Rassengedanke, in der Form, wie er jetzt das Fundament einer Weltanschauung liefern soll, richtet in der Seele der Menschen, besonders der jungen Menschen tiefen Schaden an. Das weiß ich aus langer Erfahrung, und darauf habe ich immer hingewiesen. Und es ist meine Pflicht als deutscher Professor und Pädagoge, gerade jetzt mit besonderem Nachdruck darauf hinzuweisen. Ich muss auch von den verderblichen Folgen sprechen, die das Rassenprinzip vor allem für unser Ansehen in der Welt hat. Sie, die Sie hier sitzen, Sie werden es noch alle erleben und sie werden diese Folgen zu tragen haben. Die Zukunft wird es uns Deutsche lehren, was für Verheerungen angerichtet worden sind und wie groß der Haß ist, den wir damit heraufbeschworen haben.“

Dieser mutige Mann soll Hitler unterstpützt haben? - Vollkommener Quatsch! siehe dazu meinen Aufsatz "Ist Theodor Litt im November 1933 zu Hakenkreuze gekrochen?" ?, in: Gutjahr-Löser/Schulz/Wollersheim [Hrsg.], Theodor-Litt-Jahrbuch 7 / 2010, S. 258 ff.

Dr. Peter Gutjahr-Löser
Kanzler der Universität Leipzig a.D.

Dr. Peter Gutjahr-Löser hat gesagt…
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Walter Böhme hat gesagt…

Ich danke sehr für den Hinweis.
Leider kenne ich die Formulierung nicht, mit der Sie die Fälschung des sächsischen Lehrerbundes nachweisen.
Außerdem bitte ich Sie - bei der Popularität, die die Wikipedia inzwischen bekommen hat - auch dort auf der Diskussionsseite des Artikels "Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler" auf den Nachweis in Ihrem Aufsatz hinzuweisen.
Im übrigen habe ich mit meiner Interpretation der behandelten Schrift und dem Hinweis auf den Aufsatz von Wolfgang Klafki m.E. deutlich gemacht, dass Litts Arbeiten nicht zu einer Unterschrift unter dem genannten Bekenntnis passen.