7.10.09

Lehrerbildung - Bildungsstandards

Herr Larbig versteht es, interessante Diskussionen anzustoßen. So äußert bei ihm Lisa Rosa:
Die Bildungsstandards Geschichte bspw. widersprechen schon im Ansatz dem Kompetenzmodell “Historisches Denken” von Schreiber/Körber/v. Borries”. Letztere werden darum auch nicht von den Bildungsplanmachern aufgenommen. Wie widersprüchlich die Praxis derzeit aussehen kann: Ich arbeite mit Körber zusammen und biete Lehrerfortbildungen auf der Grundlage des Kompetenzmodells an – und neben mir und über den Hof rüber sitzen die Lehrplangestalter und passen die Lehrpläne an die Bildungsstandards Geschichte an.

Irgendwie verständlich, dass es Lehrer gibt, die weder von Bildungsstandards noch von Kompetenzmodellen etwas hören wollen, obwohl beide intellektuell anregend sind.
Freilich, es gehört schon sehr viel dazu, Franz E. Weinerts Definition von Kompetenz (die ich auch Lisa Rosa verdanke) "evaluierbar" zu machen. Kompentenz sind nach Weinert nämlich „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“

Wie stelle ich nun fest, wer diese Kompetenzen für "bestimmte Probleme" hat? Es ist ein ernsthaftes Problem. Nicht zufällig sind alle Pädagogen der Welt nicht mit dem Problem fertig geworden, wie man die verschiedensten Lehrer mit einem einheitlichen System dazu befähigt, die verschiedensten Schüler zu den jeweils von Politikern gesetzten Zielen zu führen.
Ich bitte mir, spät am Abend ein wenig Unernst zu verzeihen:
George W. Bush ist mit dem Problem fertig geworden, wie man über vier Jahre lang die Interessen einer sehr kleinen Gruppe bedient und der Bevölkerungsmehrheit vormacht, es geschähe in ihrem Interesse.
Obama scheint es nicht zu gelingen, die Bevölkerungsmehrheit dazu zu bringen, eine Gesundheitsreform zu akzeptieren, deren Inhalte von über 60% der Bevölkerung gewünscht werden.
Der nahe liegende Schluss: Das zweite Problem ist definitionsgemäß höchst einfach. Wenn Obama damit nicht fertig wird, ist er unfähig. (Deshalb sacken die Zustimmungszahlen für ihn bereits dramatisch ab.)
Oder soll ich jetzt eine saubere Problemschwierigkeitsskala aufstellen, mit deren Hilfe saubere Kompetenzstandards evaluierbar wären?
Wie sagte v. Hentig: "Die Menschen stärken, die Sachen klären" (und zwar in der Reihenfolge). Ich habe nicht den Eindruck, dass das gegenwärtig für die Mehrheit der deutschen Schüler geleistet wird, aber genauso wenig, dass es für die Mehrheut der deutschen Lehrer geleistet wird.
Es soll freilich DirektorInnen geben, die es verstehen, LehrerInnen zu stärken, indem sie universitäre und ministeriale Empfehlungen und Weisungen deutlich tiefer hängen, als es von seiten dieser Institutionen gewünscht wird.
Kein Wunder, dass Ministerien nachher deren Schulen den anderen als Vorbild vorhalten: "Ihr seht doch, es geht!"
Freilich, einfach ist es nie.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke! Klasse, dass du in die Diskussion mit einsteigst :-)

Lisa Rosa hat gesagt…

Die Diskussion um kompetenzorientiertes Lernen ist zugegeben vielschichtig und kompliziert. In erster Linie soll sie jedoch zu einer Wende vom Fokus auf das Unterrichten zum Fokus auf das Lernen - wie geht das? - führen, denn die Konzentration aufs Unterrichten, seine Methoden usw. hat den Blick aufs Lernen lange verstellt. Immer noch glauben viele, dass Unterricht = Lernen ist. Ob das Problem der Evaluation ("ist gelernt worden, und wenn ja, was?") das Hauptproblem des Lehrens ist? Ich bezweilfle das. Mir geht es in erster Linie um Lernen, weniger um das Messen. Sicher geht es Fontanefan ebenso. Wenn wir jedoch nur lehren wollen, was wir auch als "Gelernt!" genauestens messen können, dann kommen wir aus der Schleife "teaching for testing" nicht hinaus.

christian hat gesagt…

LisaRosa hat geschrieben:

"Wenn wir jedoch nur lehren wollen, was wir auch als "Gelernt!" genauestens messen können, dann kommen wir aus der Schleife "teaching for testing" nicht hinaus."

Und genau hier liegt die Crux. Die Bildungsstandards für die Fremdsprachen sind ja schon entschieden weiter gediehen, als die für das Fach Geschichte. In den Standards selbst findet sich auch der Kompetenzbereich der Interkulturellen Kompetenz. Messbar ist die aber noch lange nicht. Deshalb fällt sie auch bei allen Testungen unter den Tisch. Aber auch bei den messbaren Kompetenzen wird sich hauptsächlich auf die leicht messbaren beschränkt. So gibt es z.B. für Französisch noch keine großen Testungen der mdl. Sprachkompetenz. In einem Unterricht der sich dem kommunikativen Paradigma verpflichtet sieht ist dies jedoch die wichtigste.

Meines Erachtens ist es Aufgabe der Praxis und der jeweiligen Fachdidaktiken sich die hauptsächlich politische Diskussion zu Nutzen zu machen und die eigenen Inhalte zu transportieren / zu retten, so wie es auch v. Borries/ Körber und Co. machen.