Die Formulierung "der deutsche Geist", 1938 im Jahre der Reichspogromnacht von einem deutschen Universitätslehrer gebraucht, der sich
1933 zu Hitler bekannt haben soll, weckt den Verdacht, hier schreibe ein Mitläufer der Nazis. Doch
diese Schrift von
Theodor Litt bewahrt eine bemerkenswerte Unabhängigkeit, die Litt wohl nur möglich war, weil er im Jahr zuvor seine vorzeitige Versetzung in den Ruhestand erreicht hatte.
Statt einer NS-Bekenntnisschrift erwartet den Leser eine kritische Auseinandersetzung mit
Alfred Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts, freilich eine unpolemische.
Den in der damaligen Zeitsituation an sich nicht vorhandenen, für die Kritik aber notwendigen Argumentationsspielraum gewinnt Litt dadurch, dass er seine Haltung deutlich von der eines gläubigen Christen absetzt. Er betrachte das Christentum als
geschichtliche Erscheinung und nicht, wie der Gläubige es müsse, als eine aller Zeitlichkeit überlegene Erhebung zum Transzendenten.
Seine Kritik an Rosenberg setzt an dessen Verständnis von Artgerechtheit an. Wenn es die einzige Aufgabe des Menschen sei, seiner Art gerecht zu werden und sie nicht zu verfehlen, dann könne er sich nicht zu etwas Höherem entwickeln. Das werde nur möglich durch die
Begegnung mit etwas anderem.
Der Mensch sei nicht völlig bestimmt durch sein Erbgut, denn dann unterschiede er sich nicht vom Tier, aber auch nicht allein durch seine Umwelt geprägt, denn dann sei er unfrei. Vielmehr befinde er sich in einer Zwischenposition, wo er wählen könne, worauf er sich einlasse, wem er begegnen wolle. Förderlich für eine Entwicklung sei immer, wenn das Gegenüber besser oder größer sei als das Ich. ("Die Sicherheit also, in die das Evangelium der Selbstentfaltung den Menschen einwiegen möchte, ist eine Selbsttäuschung." S.29)
Entsprechendes gilt nach Litt auch für Völker und Kulturen. Eine solche Begegnung sei nicht rückgängig zu machen, indem man einfach eine neu entstandene obere Schicht abtrage und zu dem Urgrund seines Wesens zurückkehre, denn eine Begegnung erfasse immer den ganzen Menschen. So habe auch das Christentum die abendländische Kultur erfasst, so dass es "auch da noch fortwirkt, wo jeder Gedanke an Evangelium, Bekenntnis und Kirche ferne ist" (S.56).
Am Schluss kritisiert er von daher ganz allgemein "gewisse Formen humaner Lebensdeutung und Lebensausrichtung", wenn sie nicht auf die Begegnung mit dem Anderen ausgerichtet seien, und betont "wie streng alles Menschliche, sofern es seine Bestimmung erfüllen will, auf das "Andere" angewiesen ist, das seiner Verfügung nicht untersteht." (S.58)
Von heute aus gesehen verwundert die von der
geisteswissenschaftlichen Pädagogik herkommende völlig unempirische Argumentation, mit der über Erb- und Umwelteinflüsse reflektiert wird. Zumal eine Aussage über
die christlichen Völker und Einflüsse auf ihre
Seele erscheint uns heute recht wolkig. ("Den christlichen Völkern ist, solange eine unerschütterliche Glaubensgewißheit in ihrem Leben die Führung hatte, dieser Anspruch und Auftrag umso tiefer in die Seele gedrungen, je weiter dieser Glaube das Göttliche vom Irdischen abrückte und je inbrünstiger er, gleichwohl und gerade deshalb, zu dem unendlich Fernen hin- und empordrängte." S.47)
Es ist aber eine Argumentation, die keine Kompromisse mit dem nationalsozialistischen Ungeist eingeht und die beweist, dass auch vom konservativen Standpunkt aus noch 1938 Kritik an nationalsozialistischen Positionen möglich war.
Theodor Litt:
Der deutsche Geist und das Christentum. Vom Wesen geschichtlicher Begegnung, Leopold Klotz Verlag, Leipzig (3. und 4. Tausend) 1938, 63 S.
Wolfgang Klafki geht in seinem Aufsatz
Die gegenwärtigen Kontroversen in der deutschen Erziehungswissenschaft über das Verhältnis der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik zum Nationalsozialismus, Marburg 1998 kurz auch auf Theodor Litt ein und stellt heraus, dass er sich nicht vom Nationalsozialismus habe korrumpieren lassen.