2.7.11

Gerechtigkeit und Frieden

Vor dem Tod sind alle gleich. Vor ihm gilt kein Verdienst. Seine Gerechtigkeit ist die totale Gleichheit. Entsprechend gibt es beim Kirchhofsfrieden, wo alle Unzufriedenen getötet werden, keinen Streit mehr um Gerechtigkeit.
Ein Kirchhofsfriede kann geschaffen werden durch einen Diktator und seine Geschöpfe, die er alle töten kann. Durch eine Clique, durch eine Minderheit, durch eine Mehrheit.

Auch beim Burgfrieden, bei der Abwehr eines äußeren Feindes, gibt es keinen Anspruch auf Gerechtigkeit, der wird auf später vertagt.
Der Feind kann die Not sein. Dann bekommt der Pharao alle Rechte, weil er allein Not fernhalten kann (vgl. auch Königsheil). Hält er die Not nicht fern, versucht sich ein neuer an der Aufgabe.
Not könnte auch der Klimawandel sein. Jedenfalls versuchen Atomkraftbefürworter ihn manchmal in diesem Sinne auszunützen, seit Fukushima mit sinkendem Erfolg.

Geht es einem besser, will man einen positiven Frieden, die Abwesenheit struktureller Gewalt, gleiche Chancen für alle. Und dann gibt es Dauerstreit, weil jeder will, dass es ihm gerecht gemacht wird. Der Blinde, der Rollstuhlfahrer, der Ingenieur und der Künstler. (Der braucht Mäzene, also am besten bodenlos Reiche. Der Arme braucht Spiele/Opium, also Stars. Am besten gleiche Chancen, Superstar zu werden. Dafür spielt man Fußball oder geht zum Casting.)

Nachtrag:
Bibelstellen: Ps 85,11; Jes 32,17; Röm 14,17; Jak 3,18

29.6.11

Schreibt Wikipedia Geschichte?

Wikiwatch berichtet darüber, wie unglaublich schnell und aktuell die Wikipedia, insbesondere die englische, auf die Proteste in Ägypten reagiert hat und dass sie diese von Anfang an als Revolution interpretiert hat.
Dabei weist es darauf hin, dass "der Ägypten-Artikel von 728 Wikipedianern insgesamt 4828 mal" bearbeitet worden ist.
Schnelligkeit verträgt sich freilich nicht mit abgewogener Geschichtsschreibung. Wie sollten die Administratoren 728 Autoren ständig auf einem Kurs von Objektivität halten, wenn einfach noch kein abgewogenes Bild existiert?
Wichtig scheint mir, dass nach einer ersten Phase, die zunächst von nur wenigen Quellen ausgeht, möglichst rasch ein objekticvierendes Bild versucht wird.
Hochinteressant ist der Blogartikel des israelischen Linguisten Dor Kamir, auf den sich Wikiwatch bezieht, allerdings. Offenbar benutzten die Protestler nicht nur Facebook und Twitter, sondern auch die Wikipedia.
Daraus zu folgern, weil die Proteste in der Wikipedia von Anfang an als Revolution bezeichnet wurden, habe die Wikipedia den Gang der Geschichte mit beeinflusst, scheint mir freilich etwas kühn.

22.6.11

Hätte es jeder wissen können?

Vielleicht hätte jeder es wissen können. Aber nicht jeder konnte es wissen.
Friedrich Kellner, von dessen geheimem Tagebuch Markus Roth in der ZEIT vom 22.6. unter der Überschrift "Jeder konnte es wissen" berichtet, hatte den Mut, in sein Tagebuch zu schreiben "Die 'Heil- und Pflegeanstalten' sind zu Mordzentralen geworden." und "Es gibt keine Strafe, die hart genug wäre, bei diesen Nazi-Bestien angewendet zu werden." Und er war geschickt genug, seine Meinung nicht so deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass die NSDAP-Kreisleitung in fassen konnte.

Nicht jeder hätte es ausgehalten, sich solch eine Einsicht zuzugeben, wenn er damit rechnen musste, sie 99 Prozent seiner Mitbürger lebenslang verschweigen zu müssen. Nicht jeder war so mutig, solch eine Ansicht auch noch niederzuschreiben.

Auch wenn die Entdeckung eines solch wichtigen Dokuments überschwänglich macht, sollte man die historische Wirklichkeit nicht außer Acht lassen. So ein Mensch war eben nicht "ein ganz normaler Deutscher". Das sollte 50 Jahre nach dem Milgram-Experiment jedem klar geworden sein. Aber es kennt eben nicht jeder das Milgram-Experiment, auch wenn theoretisch jeder es kennen könnte.

Jeder Deutsche könnte sich klarmachen, dass dauerhaftes Wachstum ein unendliches wäre und zu unendlichem Ressourcenverbrauch führen müsste und deshalb unmöglich ist. Aber weil das bedeutete, dass es unverantwortlich ist, eine Wachstumspolitik zu verfolgen und noch unverantwortlicher sie sogar auch Griechenland vorzuschreiben und gleichzeitig zu fordern, dass die Bürger auf nahezu alle wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften der letzten 10 Jahre verzichten. Weil das so ist, deshalb kann sich das nicht jeder klarmachen.
Denn von den Griechen können wir verlangen, dass sie die harten wirtschaftlichen Realitäten anerkennen. Aber wir selbst können sie nicht anerkennen?

Links (geben nicht die Meinung des Verlinkenden wieder):
Helmut Schmidt zu Griechenland
Griechenland: Trutzburg des Selbtmitleids
Griechischer Mittelstand abgebrannt
Samaras Buhmann Europas

opco11 Spannagels Festival zu Medienkunde

Überblick der Konzerte (= der verlinkten Gruppenarbeiten auf Etherpads)

Kurzreflexion:
Je mehr man der Technik zumutet, desto mehr wird sie zur Zumutung.

Aus den Tweets:
Konzertprobe für kollidiert bei mir mit Lektüre: A. Gruschka: Verstehen lehren - Plädoyer für guten Unterricht

Technik nervt, Konzept der Konzerte gut

Session heute und das Klischee „Lehrende und Technik“ wird übererfüllt… Was für ein Festival. Was für ne Show…

Schade, dass die Aufführung keine Generalprobe war. So wie die daneben ging, wäre die Aufführung perfekt geworden.

Danke an alle Teilnehmer! Bitte reflektiert (Blogs, ...): 1) Wie fandet ihr das Format? 2) Wie viel ist inhaltlich rübergekommen?

 Meinst du, der Arbeitsaufwand und das Ergebnis stehen in einem angemessenen Verhältnis?

Das zeigen die Erfahrungsberichte und Reflexionen der Teilnehmer, hoffe ich

Zur Klarstellung zum Konzert @2 Rya_ @Fontanefan: Die Mehrheit der Teilnehmer war sich einig, dass die Medienkompetenz nach einem einjährigen Fach-Unterricht, in dem die Grundbegriffe vermittelt werden sollten (Jahrgangsstufe 5), in sämtlichen Fächern verankert gehört. Die Benutzung von Wikis etc. wird mit der Zeit so normal sein wie im vergangenen Jahrhundert das Schreiben in Heften. - Die speziellen Inhalte von Informatik (Geschichte des Computers, Einblick ins Programmieren) sollte nicht für alle verpflichtend sein, sondern kann einerseits als Wahlfach angeboten werden, andererseits (etwa im mathematisch-naturwiss. Zweig eines Gymnasiums oder entsprechenden Schulformen/-ausprägungen) als verpflichtend (8./9. Jahrgangsstufe).

Reflexion 2:
Das Internet ermöglicht zeitversetztes Arbeiten. Die Technik, im Netz effektiv zeitgleich zu arbeiten, ist bei opco11 noch nicht vorhanden. (Chats sind ein schlechter Ersatz für Live-Audiodiskussion, die funktioniert.)
Auf Hausaufgaben zu setzen, wenn die Schüler fehlen, die sie gemacht haben, ist nicht sonderlich effektiv.
Es war eine anstrengende und lehrreiche Stunde. Vor ihr und von ihr gingen eine ganze Reihe von Anregungen aus. No risk, no fun.

Anmerkung:

Schulung der Medienkompetenz für Lehrende

Bildungsstandards für Medienkunde bei opco11

  • Gruppe 1 bei Spannagels Konzerten: Etherpad
  • Persönlichkeitsentwicklung
  • zielgerichteter, reflektierter, kritischer Umgang (Produktion und Rezeption) mit Medien.
  • mögliche Gefahren in weltweiten Netzen erkennen können (aber bitte auch zunächst mal die Chancen sehen)
  • inhalte bewerten können, Auswählen der relevanten Information
  • aktives zuhören, aktives adressatengerechtes partizipieren
  • Umgang mit der ständigen Vernetzung (Computer, Smartphones, Ipads) und dem leben in den vielen Netzen- Sich strukturieren und abgrenzen können
  • fähigkeit, als mündiger bürger zu handeln
  • offen für andere Meinungen, Toleranzbereitschaft, die Fähigkeit, mit divergierenden Meinungen umgehen zu können, Persönlichkeitsrechte beachten
  • Ungewissheiten aushalten statt nur nach allgemeingültigen Aussagen zu schauen
  • Mit Zurückweisung oder nicht-Beachtung adäquat umgehen können, nicht ständig Rückmeldung brauchen
  • Trennen zwischen Privat und Öffentlich
Anmerkung:
Schulung der Medienkompetenz für Lehrende

21.6.11

Diskussion über Medienpädagogik: ein Fach oder fachintegriert

Christian Spannagel hat im Zuge seiner opco11-Veranstaltung (http://de.wikiversity.org/wiki/Benutzer:Cspannagel/opco11)  die Diskussion im Etherpad angestoßen, die ich hier ungeordnet herstelle. Bis Mittwoch 18:00 soll das Ergebnis da sein (das natürlich ein Anstoß zur weiteren Diskussion sein soll). Hier (http://ietherpad.com/6SwA3hEYI6)
die Diskussion:

 
"Ich persönlich würde auf Blogs und Wikis als Arbeitsinstrumente ungern verzichten und habe Vorbehalte gegenüber Live-Veranstaltungen im Internet (http://fontanefan.blogspot.com/2011/06/aktueller-zwischenbericht-zu-den.html), weil ja gerade das zeitversetzte Arbeiten und die Unabhängigkeit von einem umfangreichen technischen Apparat die Vorteile der neuen Medien sind, während das Hier und Jetzt der Vorzug der zeitlich und örtlich gebundenen Veranstaltung ist. Warum aus dem Klassenzimmer verlagern, was dort viel effektiver möglich ist: der direkte persönliche Austausch auf allen Kanälen?
  • Zur Integration in alle Fächer sage ich ganz klar "ja". Das ist sonst als würde man Lesen lehren und dann keine Texte in anderen Fächern einsetzen. Zur Frage eines eigenen Fachs bin ich mir nicht sicher, ob man dann nicht alles zu sehr verfächert, denn dann hätten auch andere "Fächer" eine Daseinsberechtigung, wie Ernährung oder Soft Skills. Wie groß wäre denn der Lehrplan für "Umgang mit Medien"? Kann man das nicht in Sozialkunde integrieren oder eine Projektwoche draus machen?
  • Ich kann den bisherigen Ausführungen nur zustimmen. Auch ich bin für die Integration in alle Fächer. Was ganz sinnvoll sein könnte, wäre ein Fach "Medienkunde" relativ früh, z. B. am Beginn der Sekundarstufe (wenn die Kinder ca. 10 Jahre alt sind), um Grundlegendes zu vermitteln, was sonst in jedem Fach einzeln gemacht werden müsste - oder dann eben vergessen wird).
  • Aber, die logische Konsequenz ist: Wenn Medienbildung in allen Fächern integriert werden muss, dann müssen auch alle Lehrer kompetent sein! Wird man das bei der Schnelligkeit, die das Internet und die Technik vorlegen, schaffen? Man schafft es ja heute schon nicht! Wie viele Lehrer integrieren denn Web-2.0-Anwendungen in ihren Unterricht? (Kühne, aber vielleicht doch nicht so kühne) Behauptung: Wenn man Medienkompetenz in allen Fächern integriert vermittelt, dann wird sie kaum oder nur marginal vermittelt, weil sich keiner dafür verantwortlich fühlt. <-- Die Gefahr besteht, ja.
  • Integration in alle Fächer: Die Nutzung unterschiedlichster Medien ist auch vom Kontext abhängig, z.B. in der Werbung wird eine Präsentation eventuell anders aussehen können/kreativer sein dürfen etc. Ich sehe den Umgang mit Medien nicht als losgelösten Aspekt an, sondern als Teil einer Kulturtechnik, ohne die wir nicht mehr auskommen. Am Ende geht es nicht um "Klickkompetenz", sondern um Erziehung zum mündigen Bürger.
  • Nebenbei halte ich das Ausdifferenzieren auf Fächer grundsätzlich für zweifelhaft. Eine projektorientiertere, an der Komplexität des Lebens ausgerichtete Herangehensweise berührt immer mehrere "Fächer" - Das mag so sein. Aber in den allermeisten Schulen in D wird eher die Integration von Medienkompetenz in die Fächer gelingen als eine Umstellung vom fach- zum projektorientierten Unterricht. --> Auch der projektorientierte Unterricht bedarf der entsprechenden Lehrerkompetenz. Und: Ist es wirklich gut, alles projektorientiert zu machen? Haben nicht die Fachsystematiken ihren eigenen Wert? Sind Fachsystematiken denn grundsätzlich schlecht? Es gibt z.B. zahlreiche innermathematische Motivationen, die sich nicht durch reale Kontexte einkleiden lassen, die aber ihre eigene Schönheit haben.
  • Content sollte immer im Zusammenhang mit einem Context erfolgen und auch fächerübergreifend oder fachergänzend (anderer Sichtwinkelauf ein Thema/Problem), denn Technik/Technologie ist immer nur Mittel zum Zweck, Werkzeug und muss einen Sinn machen, sie kennen und anwenden (für sich nutzen) zu wollen. --> Ja. Man kann auch in einem eigenen Fach entsprechende Kontexte bereit stellen. Man kann doch in einem Fach "Medien" entsprechende Anwendungskontexte bieten (ähnlich wie man das auch z.B. in der Physik macht).
  • Schade, dass in Thueringen alles schon durch ist. Wir haben Medienkunde in "normale" Schulfächer integriert bekommen. Damit haben sie bei uns das Fach "ITG" aus den Angeln gehoben. Bin gerade als Alter (15 Jahre als L weg-Schwitz) und habe im letzten Jahr ein Ministudium Info an der Uni Jena begonnen. Dort möchte Prof. Fothen, dass ITG schon in der Grundschule als einzelnes Fach unterrichtet werden soll. Bin ich voll dafür. In unserem Sport-Gym wollen nicht mal die Mathelehrer den neuen Rechner einsetzen, wie sollen die dann Medienkompetenz oder wie man es auch nennen will/soll vermitteln. Ich stehe selber am Anfang der eigenen Nutzung von Web 2.0 und bin aber total begeistert. Nun muss ich nur noch lernen, wie ich es meinen Schülern näherbringe. Deshalb bin ich eigentlich auch hier. --> Ein Kollege in BW sagte einmal: "Hier haben wir ITG wegintegriert.""

 
Die Farbunterschiede habe ich mal weggenommen.
Das Schöne ist: Was in einem ganzen Land schon ausdiskutiert war, wird hier - obwohl die Tendenz wieder in Richtung fachintegriert geht - wieder aufgebrochen.
Was wohl heute im Laufe des Tages passiert, und morgen?

 
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