9.1.14

Lehren des Ersten Weltkrieges?

Plötzlich entdeckt die deutsche öffentliche Meinung: Wir waren nicht schuld am 1. Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg ist "bewältigt". An der deutschen Wirtschaftspolitik soll Europa genesen. [Früher hieß es noch: "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen." - Übrigens haben nicht die Nazis den Spruch erfunden, sondern Emanuel Geibel.]

So einfach ist es nicht:
1. Fritz Fischer hat festgestellt, dass wesentliche Teile der deutschen Führung (notwendigerweise schwammig ausgedrückt, Präziseres würde zu ausführlich) den Krieg zumindest billigend in Kauf genommen haben oder doch gemeint haben, da er sowieso nicht zu verhindern sei, dann besser früher als später.

Clark hat - mit umfangreicherem Quellenhintergrund - in "Die Schlafwandler" festgestellt (was in der Debatte über Fischers Thesen schon als Möglichkeit angedeutet wurde), dass das nicht nur auf deutscher Seite so war, sondern mehr oder minder für alle europäischen Großmächte galt.

Deutschland war nicht "unschuldig", nur: die anderen waren es auch nicht.

2. Die Fehler der europäischen Mächte von vor 1914 sind von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges zum Teil revidiert worden, auch die Fehler des Vertrages von Versailles. Aber wesentliche Fehler werden beibehalten.

3. Der Zweite Weltkrieg und was zum Holocaust geführt hat, ist mitnichten "bewältigt". Noch weniger als der Erste Weltkrieg und was zu ihm geführt hat.

Im Augenblick will ich hier nicht mehr dazu sagen. Ich würde mich aber freuen, wenn kritische Kommentare mir Anlass gäben, manches genauer zu erläutern.

Anlass zu diesem Einwurf ist der Leitartikel Jahrhundertkrieg von Jens Jessen  in der ZEIT vom 9.1.14


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Der Zweite Weltkrieg und was zum Holocaust geführt hat, ist mitnichten "bewältigt". Noch weniger als der Erste Weltkrieg und was zu ihm geführt hat."

Clark ging methodisch anders vor als Fischer und kam deshalb zu anderen, realistischeren Ergebnissen. Clark ging nicht deutschlandzentriert vor in der Absicht, den Deutschen einen möglichst grossen Schuldanteil oder gar die Alleinschuld anzuhängen, sondernn er untersuchte alle Mitspiel gleichermaßen, was ein ganz andebres Bild ergeben musste.

Ich wäre gespannt, was passieren würde, wenn man dieselbe Methode auf den Zweiten Weltkrieg übertragen würde. Wer weiß, ob von der deutschen Alleinschuld nur noch die deutsche Hauptschuld übrig bliebe?

Und was noch zur Bewältigung gehört: Viel wäre gewonnen, wenn man systematisch nach den historischen Voraussetzungen des Nationalsozialismus fragen, diese dann mit den heutigen vergleichen und daraus plausible Schlüsse ziehen würde. Ich glaube aber nicht, dass das in einem hysterischen Klima der Politcorrectness, wie es heute herrscht, in Deutschland möglich wäre. Das geht nur an einer angelsächsischen Universität. Hierzulande wäre man politisch, bürgerlich und beruflich tot.

Walter Böhme hat gesagt…

Clark befindet sich in einer völlig anderen Situation als Fischer.
Dass die deutsche Führung 1914 den Krieg in Kauf nahm, gilt inzwischen als gesichert. Über die anderen Großmächte gab es keine so intensiven Untersuchungen. Deshalb und weil inzwischen mehr Quellen zugänglich sind, konnte er ein weit umfassenderes Bild liefern.

Die Forschungssituation zum Zweiten Weltkrieg ist weit anders gelagert.
An internationalen Forschungen mangelt es da meiner Kenntnis nach nicht. Doch das wäre ein ganz neues Thema.