4.6.18

Wieder einmal: Lehrermangel

Deutschlands Grundschulen sind in Gefahr, ZEIT 29.5.18
"[...] Dabei haben sich die Kultusminister die Lehrerlücke selbst eingebrockt. Weil die Schülerzahlen zurückgingen, haben die Bundesländer die Lehrerausbildung zurückgefahren. Die Plätze wurden rar, in Münster, Berlin oder München brauchte man im Abitur eine Eins vor dem Komma, um Grundschullehramt zu studieren. Besonders drastisch sparte man in Ostdeutschland, wo sich die Geburtenrate nach dem Mauerfall halbiert hatte. Nun gehen viele Tausend Lehrer in den Ruhestand. "Wir haben das Ministerium seit Jahren auf die drohende Pensionierungswelle hingewiesen", sagt Axel Gehrmann vom Zentrum für Lehrerbildung an der TU Dresden. "Doch die Politik hat uns ignoriert."
Auch die Universitäten hatten – Stichwort Exzellenzinitiative – andere Prioritäten. An der FU Berlin gab es früher zwölf Professuren in der Grundschulausbildung. Zuletzt waren es drei. [...]"

"Was der Lehrermangel für die Grundschulen bedeutet? Wäre ich Rektorin, könnte ich nicht mehr ruhig schlafen.
In den Klassenzimmern sitzen Kinder mit Migrationshintergrund, verhaltensauffällige Kinder, Kinder mit Förderbedarf und solche aus sozial schwachen Familien. Nun müssen in diesen heterogenen Klassen Menschen ohne pädagogische Ausbildung unterrichten! Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich will auf keinen Fall den armen Rektoren die Schuld geben – oder gar uns quer Einsteigern. Wir tun alle unser Bestes! Die Fehlplanung an den Schulen macht mich aber einfach wütend."
Vertretungslehrerin, 59, an einer Grundschule in Schleswig Holstein, ZEIT 30. Mai 2018, Seite 62
Meine persönlich Erfahrung:
Als ehemaliges Mitglied einer Schulleitung weiß ich, dass die Sicht auf schulische Probleme von Lehrern und Schulleitung aufgrund der unterschiedlichen Rollen unterschiedlich ist. Nur wenige können sich ganz in die jeweils andere Rolle hinein versetzten.
Noch heute denke ich bewundernd an das Wort eines stellvertretenden Schulleiters zurück, der seine Rolle so definierte: "Meine Aufgabe ist es, das pädagogische Notwendige zu organisieren. Nehmen Sie bei Ihren Forderungen bitte keine Rücksicht darauf, ob sich das auch organisieren lässt. Das ist mein Problem." Und der bei einer anderen Gelegenheit sagte: "Da hat mir doch einer Unterricht am Freitag in die 9. und 10. Stunde gelegt. Deswegen kann ich zu der Feier leider erst viel später kommen." (Natürlich hatte er sich selbst den Unterricht dorthin gelegt, weil er diese Zeit niemandem anders zumuten wollte und er ohnehin noch so lange arbeitete.)
Selbstverständlich sehen Schulverwaltung und gar Kultusminister deshalb Probleme - aus gutem Grund - aus einer anderen Sicht als Lehrer und Schulleitungen. 
Mein persönlicher Eindruck aus Jahrzehnten, in denen ich Lehrerstellenplanung miterlebt habe, ist aber der folgende. Nicht Schülerzahlen oder voraussichtlicher Bedarf entscheiden darüber, sondern die Finanzplanung des Landes und die Fähigkeit von Kultusministern, das pädagogisch für notwendig Gehaltene bei Finanzministern durchzusetzen. - Zu häufig wechselten die Prognosen über den Lehrerbedarf an Gymnasien sprunghaft innerhalb von zwei, drei Jahren. Da waren die Schülerzahlen und die Zahl der Pensionierungen schon Jahre zuvor bekannt gewesen. 
Dass bei der Planung des Bedarfs an Grundschullehrer*innen die Situation durchaus nicht so übersichtlich ist, ist klar. Aber dass der Lehrermangel angeblich erst seit ca. einem Jahr so groß geworden ist, dass Notmaßnahmen ergriffen werden müssen, ist grotesk. Denn die steigenden Geburtenraten, die anstehenden Pensionierungen und selbst der Ansturm von Flüchtlingen im Herbst 2015 sind ja nicht erst 2017 bekannt geworden. (Zu diesem Komplex ein Artikel von 2009)

außerdem:
Lehrermangel  SZ 3.6.18

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