14.11.10

Eindrücke von der ZUM-Tagung am 13./14.11.2010

Ungewöhnlich war an der Tagung, wie viele Gäste sie bereichert haben. Freilich kein Wunder, wenn man ihr Motto kennt: "Erfahrungen austauschen – Kontakte knüpfen – Schule weiterdenken".So waren gleich zwei Vertreter von 4teachers gekommen, Rüdiger Hamm und Bernd Dumser. Und sie verstanden sich mitnichten als Rivalen der ZUM, sondern waren an Zusammenarbeit interessiert. Und dazu wird es wohl schon deswegen kommen, weil Bernd Dumser Mitglied der ZUM werden will.
Interessant war es, abends bei Bier und Wein zu hören, wie sie zum Programmieren des ersten Internetauftritts von 4teachers gekommen waren ...
Christian Ebel, streng genommen eigentlich kein Gast mehr, stellte uns sein Vielfalt-lernen-Wiki vor und verwies uns darauf, dass mit zunehmender Heterogenität der Schüler (gegenwärtig haben etwa 30% der Schüler Migrationshintergrund, und die Tendenz weist eindeutig nach oben) individuelle Förderung immer wichtiger werden wird.
Jürgen Wagner bot uns an, auf seinem Forum, einer gemeinsamen Initiative von Schleswig-Holstein und Saarland, online Fortbildungsveranstaltungen der ZUM abzuhalten. Eine hat schon stattgefunden, ohne dass es den ZUM-Mitgliedern recht bekannt geworden ist, denn Ralf Klötzke hat dort schon online über Wiki im Fremdsprachenunterricht referiert.
Thomas Rau, der Verfasser des Blogs Lehrerzimmer berichtete darüber, wie er zum Bloggen kam. (Er dürfte einer der wenigen Internetfreaks sein, die von ihrer Frau darauf gestoßen worden sind, ihr weniger zu erzählen und mehr im Netz über seine Erlebnisse zu berichten.) Ihm geht es darum, an seiner Schule Web 2.0 voranzutreiben. Dafür schämt er sich nicht, Vorzeigbares aus seinem Schulalltag und was ihm dabei Spaß gemacht hat, zu präsentieren und auf Blogs von Schülern und Kollegen hinzuweisen, ist aber mit dem Erfolg seiner Bemühungen noch nicht so ganz zufrieden.
Uwe Kohnle ist bei der ZUM wie auch die folgenden Präsentatoren nichts weniger als ein Gast, doch wies er kurz auf seine Lernmodule hin, die man auch auf der eigenen Webseite einbinden kann.
Heinz-Willi Jansen stellte die Homepage seiner Schule vor und wies darauf hin, wie es ihnen gelungen ist, Schülerkommunikation im Netz über ihre Homepage laufen zu lassen.
Robert Roseu kam erst später dazu, seine Idee vom USB-Stick, der den Schüler durch seine Schullaufbahn begleitet, vorzustellen und ermöglichte dabei nebenbei auch Einblick in seine Materialien bei der ZUM.

Diskussionspunkte waren:

* ZUM-Unity: Dazu vgl. meinen Blogbeitrag zum ZUM-Unity-Wunschzettel

* Förderung von Web 2.0 in der Bildung: Dabei wurde zum einen auf online Fortbildungsveranstaltungen, die die ZUM halten könne, zum anderen auf den Tag des digitalen Lernens hingewiesen, den man noch mehr als bisher für Öffentlichkeitsarbeit nutzen sollte. (2011 liegt er am 2. März.)

Außerdem ging es um eher vereinsinterne Fragen, die hier von weniger Interesse sind.

Richtig spannend wurde es bei einem Beitrag von Mario Hupfeld, der jetzt die ZUM-Seite seines Vaters (zu Biologie und etwas Mathematik) betreut. Er schlug vor, Rezensionen von populärwissenschaftlichen Arbeiten zu schreiben. Als Ort dafür erschien manchen die Seite ZUM-Buch geeignet, manche dachten eher an die ZUM-Unity, weil dort auch gleich eine Diskussion über Buch und Rezension stattfinden könne. Gleich wo das Projekt durchgeführt wird, es verspricht interessant zu werden.

Foto vom ZUM-Treffen 2010


Zwei Fotos vom Treffen 2009 mit dem gegenwärtigen Vorstand und einem Gruppenfoto von den damals vertretenen ZUM-Mitgliedern:


Nachtrag zu Jürgen Wagner:
Eben habe ich von Jürgen Wagner noch einige weitere interessante Links erhalten.

- Mitschnitte der bisherigen Online-Fortbildungen
- Wagners Blog
- seine Homepage mit anderen Materialien und Linksammlungen
- sein Newsletter
- sein Bericht über das ZUM-Treffen

Nachtrag vom 1.2.2024
Dank sei dem Web Archive, das noch ergänzende Kommentar zu diesem Artikel auf ZUM Unity zuließ!

4.11.10

Konzentrationstöter Neuigkeit

Ein Unternehmensgründer war so mit den vielen neuen E-Mails beschäftigt, dass er ein Angebot, seine Firma zu kaufen, 12 Tage lang übersah.
Die neuen Nachrichten regen so an, dass die Konzentration auf das Wesentliche verloren geht. Dabei ist entscheidend, dass dieser Mangel an Konzentrationsfähigkeit auch nach Abschalten des Computers noch anhält.
Nora Volkow vom National Institute of drug abuse sagt:, diese Technologie verändere unsere Gehirne. Sie sei allerdings nicht mit Drogen zu vergleichen, eher mit Essen und Sexs. In Maßen stimuliere sie positiv, aber im Übermaß werde sie gefährlich.
Mehr dazu in der New York Times in einem Artikel von Matt Richtel vom 7.6.2010

Roger Walshe, Leiter der Abteilung Lernen der British Library, erklärt, Studenten nutzten Material in Bibliotheken und Archiven nicht, weil sie sich nicht bewusst seien, wie viel davon im Netz nicht greifbar ist.
Deshalb macht die Bibliothek ein Lernstudio zu Materialien auf, die nicht im Internet zu finden sind: z.B. Dichter aus dem 1. Weltkrieg, Zeitungen aus dem 17. Jahrhundert, viktorianische Plakate.
Dabei soll ihnen ermöglicht werden, sich fruchtbare Fragestellungen zu erarbeiten und dann danach zu suchen, wo sie Antworten darauf finden. (Quelle: Artikel der Times vom 14.8.2010 von Nicola Woodlock: Google-eyed pupils keep missing the point")

Jedes Kind hat das Recht ...

Kinderrechte werden oft missachtet. Millionen von Kindern führen ein Sklavendasein.
Doch der Kinderrechtskonvention sind mehr Staaten beigetreten als jeder anderen UN-Konvention (nur die USA und Somalia nicht).
Die UN-Behindertenrechtskonvention gibt jedem Kind den Anspruch auf gemeinsames Lernen. Inklusion und inklusive Pädagogik sind daher von den Menschenrechten her, die Konsequenz.

Dieser rechtlich unanfechtbare Anspruch stößt freilich da an seine Grenzen, wo Kinder die Unterrichtssituation nicht aushalten oder wo Lehrer außerstande sind, für eine spezielle Zusammensetzung von Schülern eine Lernsituation zu schaffen. Extrem verhaltensauffällige einerseits und psychisch schwer kranke Schüler andererseits können es auch methodisch auf Inklusion vorbereiteten Lehrern unmöglich machen, Lernsituationen für die Gruppe zu schaffen.
Mit der Frage, wo die Grenze zwischen aus Bequemlichkeit abgelehnter Inklusion und angesichts der gegebenen Situation undbedingt notwendiger Trennung liegt, beschäftigt sich heute Martin Spiewak in der ZEIT vom 4.11.10, S.39f. in seinem Artikel "Die Not ist riesengroß".

Wenn in Deutschland 80% der Schüler mit einem Handicap in Sonder- oder Förderschulen unterrichtet werden, international im Durchschnitt aber nur 15%, dann wird entweder hier oder dort etwas falsch gemacht.
Über methodisch Ansätze, die inklusives Lernen in höherem Maß, als bisher üblich, sinnvoll machen, informiert u.a. das Wiki "Vielfalt lernen".
"Jedes Kind hat das Recht auf Bildung" bedeutet noch nicht "jedes Kind hat das Recht darauf, seine Bedürfnisse in einer Unterrichtssituation auszuleben".

Dass aber mehr als 15% der behinderten Kinder die Chance auf Inklusion bekommen, dafür lässt sich noch einiges tun.

25.10.10

Über den Stand der deutschen Einigung - B. v. Weizsäcker: Die Unvollendete

Beatrice von Weizsäcker hat in ihrem Buch über "Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit" viel Wissenswertes zusammengetragen: Axel Schmidt-Gödelitz mit seinem Projekt der Ost-West-Biographien, zum Beispiel, der sich auch um deutsch-türkische Biographien kümmert. Jana Hensel mit ihrem Buch Zonenkinder von 2002, die Stiftung Demokratische Jugend mit ihren Projekten. Eine Vielzahl weiterer Projekte. Schließlich gestehe ich, dass mir ihr Bericht über Udo Lindenbergs Sonderzug nach Pankow nützliche Informationen brachte, die ich beim Anblick der Sondermarke noch nicht mitbrachte.

Viele ihrer Urteile sind mir auch sympathisch. Eine Abqualifizierung von SED-Mitgliedern allein aufgrund der Tatsache, dass sie dieser Partei angehörten, steht meiner Meinung nach gut angepassten Karrieremenschen im Westen gewiss nicht zu. Aber wieso sieht sie nur bei Bündnis 90/Die Grünen eine gelungene Vereinigung von "westlichen" und "östlichen" Politikern? Werden in der SPD Genossen aus den neuen Bundesländern etwa diskriminiert? Gibt es in der Partei Die Linke einen Gegensatz zwischen West und Ost oder nicht viel mehr einen zwischen orthodoxen Marxisten und radikalen Linken? Nur im Osten geht es nach v. Weizsäcker den Linken um soziale Gerechtigkeit, im Westen dagegen sieht sie nur diffusen Protest (S.232).
Wirklich befremdet bin ich freilich erst, wenn sie formuliert "Die Weste der Ost-SPD ist tatsächlich rein." (S.241) Willy Brandt soll eine unreine Weste haben, weil er mit SED-Politikern gesprochen hat? Vieles kann man ihm vorwerfen; aber das nicht, wenn man denn wirklich für eine deutsche Einigung ist.
Zu Recht erinnert sie an Uwe Holmer, der in der Tat christliche Gesinnung bewiesen hat. Aber ich zweifle sehr, ob sie "Vergebung und Versöhnung", die sie für die Honneckers anmahnt, auch für die richtige Haltung der Kirche hält, wenn sie hohen SS-Offizieren die Flucht nach Argentinien ermöglichte.
Sehr zu Recht erinnert sie an die großartige Einrichtung der Wahrheits- und Versöhnungkommissionen in Südafrika und die Initiative von Ralf Wüstenberg , die Ähnliches für Deutschland anstrebte. Aber sie hat als Konzept nur zu bieten "Irgendwo zwischen Lobetal und Südafrika muss man sich treffen" (S.265). Unbestimmter geht es kaum.
Zustimmen kann ich wieder ihren Sätzen: "Versöhnung braucht Wahrheit. Wahrheit ohne Chance auf Versöhnung führt zu nichts." (S.265)

Den angemessenen Raum gibt sie Matthias Platzeck (S.214 ff) und seinem energischen Versuch, 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes denen, die sich nach der sehr westdeutsch bestimmten Einigung (Übergehen des Artikels 146 des Grundgesetzes) gezwungenermaßen enttäuscht aus dem politischen Leben zurückgezogen hatten, Versöhnung anzubieten und zu ermöglichen (vgl. sein Aufsatz im Spiegel November 2009).
Ihre Kritik an Marianne Birthler, so sehr ich sie teile, scheint mir freilich entschieden zu harsch. Birthler Amtsmissbrauch vorzuwerfen, wäre übertrieben. Dass sie ihrer Aufgabe aufgrund ihrer persönlichen Einstellung nicht gerecht werden kann, scheint mir freilich deutlich.

Alles in allem hat Beatrice von Weizsäcker ein nützliches Buch geschrieben. Und ich könnte noch viel positiver darüber schreiben, gäbe es da nicht auch die Sätze "Darf es nur eine für alle gültige Geschichtsdeutung geben? Darf oder muss es nicht vielmehr verschiedene Auslegungen geben können. Ja, es darf und muss." und gleich darauf die ihnen völlig widersprechenden "Für die Zeit der Nazi-Diktatur ist die Frage der Geschichtsdeutung klar. Sie stellt sich erst gar nicht. Denn da gibt es nichts zu deuten." (S.266/67)

Sie ist keine Historikerin, deshalb bringt sie es fertig von dem "unsäglichen Historikerstreit" zu sprechen, "in dem es darum ging, Auschwitz zu relativieren" (S.25), als hätte nicht Jürgen Habermas den Streit mit genau der entgegengesetzten Absicht begonnen. Ich glaube ja an ihre guten Absichten. Aber hier hat das Lektorat versagt. (Vielleicht im Glauben, der Verfasser der Rede vom 8. Mai 1985 hätte das Manuskript schon gegengelesen.) Worum gingen denn die Diskussionen um die Thesen von Daniel Goldhagen und andererseits von Götz Aly wenn nicht um die Deutung dessen, was die NS-Diktatur möglich machte?

Nach dieser Unkenntnis über die Aufgabe von Geschichtswissenschaft wird man von Frau von Weizsäcker keine Antwort auf die Frage erwarten dürfen, welche Schwerpunkte man bei der unterrichtlichen Behandlung der DDR-Geschichte setzen sollte. Immerhin kann ich ihr zustimmen, wenn sie die pauschale Bezeichnung der DDR als Unrechtsstaat nicht als hilfreich ansieht. (Das SED-Regime als Unrechtsregime zu bezeichnen, wäre weniger missverständlich.) Dass sie aber die DDR-Geschichte nicht nur als die einer SED-Diktatur behandelt sehen will, hilft mir nicht weiter. Soll man die Erfüllung von Plansoll oder Hermann Kants Bücher loben oder den Volkaufstand vom 17. Juni, Robert Havemann und Wolf Biermann? Was es an Positivem gab in der Geschichte der DDR, etwa der politechnische Unterricht, war ja immer auch verbunden mit den hässlichen Seiten der SED-Diktatur. (Diese Aussage bedürfte freilich einer ausführlicheren Begründung als hier möglich.)
Die Unvollendete ist ein lesenswertes Buch. Das Wichtige ist, dass es Anstöße gibt, die einzelnen Schwächen sind demgegenüber unwichtig.

Nachtrag:
Bericht von einer Autorenlesung

9.10.10

Es gibt gute Gründe

... weshalb ich an zig "Baustellen" im Netz aktiv geworden bin.
... weshalb ich meine Netzaktivitäten erheblich einschränken sollte.

Ich habe mir vorgenommen, beide Arten von Gründen gleichmäßiger zu berücksichtigen.
Falls jemand daraus schließen sollte, ich hätte die Lust am Bloggen verloren, dementiere ich das.
Mit mir gibt es auf absehbare Zeit ebensowenig einen Blogstopp wie mit Mappus und Grube einen Baustopp.
Wenn's anders wäre, stünde dieser Artikel nicht hier.

7.10.10

Pädagogische Autorität - kommt man ohne sie aus?

Klare Ansage und Empathie, darauf lässt sich nach Aussage von Pädagogen und Psychologen, die heute in der ZEIT zu Worte kommen, das Geheimnis von pädagogischer Autorität zusammenfassen. Typische Persönlichkeitsmerkmale seien es nicht. Dagegen betonen Petra Gerster und Christian Nürnberger in ihrem aktuellen Buch gerade den Charakter ("Charakter - worauf es bei der Bildung wirklich ankommt"), aber eben als Ziel der Bildung, nicht als Grundlage der Autorität.
"Die Menschen stärken, die Sachen klären und zwar in dieser Reihenfolge" hat Hartmut von Hentig formuliert. Ohne Empathie kann man die Menschen nicht stärken.
Und auch nicht glaubhaft Politik gestalten. Das zeigt Stuttgart 21.

1.10.10

Wofür man die Wikipedia - unter anderem - braucht

O'Murchu schaute auf Wikipedia nach, ob an diesem Tag irgendetwas Bemerkenswertes passierte - und wurde fündig: Am 9. Mai 1979 wurde ein jüdisch-iranischer Geschäftsmann namens Habib Elghanian in Iran exekutiert - weil er angeblich als Spion für Israel arbeitete.
O'Murchu ist Spezialist für Computerviren und untersuchte den Wurm Stuxnet. Er wollte wissen, was eine bestimmte Zahl bedeutet, die der Wurm in die Registry eines angegriffenen Computers schreibt. Mit dem Brockhaus hätte er das wohl kaum herausgefunden.

Das zeigt, wie vielseitig die Wikipedia gegenwärtig verwendbar ist und von kommenden Schülergenerationen verwendet werden können sollte. Wer diese Möglichkeiten nicht kennt, hat Nachteile in der Arbeitswelt.

Freilich enthält der Bericht von Spiegel online auch einen interessanten Hinweis auf die Firma Microsoft und Viren:
Erste Virenangriffe, die später zu Komponenten von Stuxnet wurden, datieren sogar auf Januar 2009 zurück", teilte Microsoft mit.
Das wirft die Frage auf, ob sich zwischen all den Viren, die täglich neu entdeckt werden, schon die Ausläufer einer neuen, noch intelligenteren Schad-Software verstecken - ohne dass es jemand mitbekommt. Die Zahl neuer Viren, die sich zu anspruchsvoller Schad-Software kombinieren lassen, jedenfalls wächst dramatisch. Laut einer Erhebung von AV-Test wurden 2006 rund 100.000 neue Viren entdeckt. Im vergangenen Jahr waren es 1,2 Millionen.

Beseitigt hat Microsoft die Lücke in Windows, die die Voraussetzung des Angriffs von Stuxnet wurde, erst im Sommer 2010.