4.2.11

Heldenreisen bei Karl May, Cornelia Funke, Vergil, Dante, Dietrichsage, Siegfried ...

Herrn Rau verdanke ich den Hinweis auf Wolfgang Herrndorf, Tschick  und die Heldenreise.

Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell hat die folgenden Stationen einer idealtypischen mythischen Heldenreise zusammengestellt. Ich will einmal erproben, welche Stationen ich bei ein paar mir bekannten Texten verifizieren kann. Besonders reizt mich dabei Karl May und der Vergleich mit anderen Texten.
a)  Karl May b) Cornelia Funke c)Vergil: Aeneis d) Dante: Göttliche Komödie e) Dietrichsage f) Siegfriedsage

1. Ruf: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe
b) Auftauchen Staubfingers
c) Untergang Trojas
f) allein ausgesetzt


2.Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben.
a) Karl May kennt das nicht.
b) Mo will nicht in das Buch
c) Aeneas will lieber im Kampf sterben
f) kennt Siegfried nicht

3.Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise.
a) May kennt kein Zögern, meist erleben wir ihn erst nach dem Aufbruch.
b) Spannend vor allem in Tintenblut, wo das Mädchen durch sein Vorausgehen die anderen nachzieht.
c) Venus überredet Aeneas unter Hinweis auf die Aufgabe, ein Reich zu gründen und seine Fürsorgepflicht für seinen Vater Anchises.

4.Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können
a) ca. alle 10 Seiten 
b) die Grausamkeiten der Bösen gegenüber der Bevölkerung und ihre Angriffe auf die Helden
c) neue Länder mit fremden Menschen/Wesen
f) Arbeit in Schmiede

5.Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren.
a) Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker (das noch sehr normale "Kleeblatt von Westmännern), Winnetou (mit schon eher mythischen Fähigkeiten)
b) Staubfinger
c) Venus, Neptun, Sybille
d) Vergil
f) das Drachenblut

6.Die erste Schwelle: Schwere Prüfungen, Kampf mit dem Drachen etc., der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann.
a) Old Shatterhands große Probe: Kampf mit Intschu-tschuna, um Leben und Tod geht es aber fast immer
b) die jeweils Bösen
e) Kampf gegen Grimm und Hilde
f) Drachenkampf

7. Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe.
a) Helfer sind auch: Henrystutzen

8. Initiation und Transformation des Helden: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird.
a) Blutsbrüderschaft mit Winnetou
f) Nibelungenhort

9. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren.
a) nie, er wird nur durch neue Abenteuer daran gehindert
f) Siegfried will ein Normalleben, Heirat mit Kriemhild, wird aber durch ihre Schuld (Kampf der Könginnen) herausgerissen

10. Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht.

11. Rückkehr: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird)
a) Karl Mays Entlarvung als früherer Hochstapler und Sträfling; Gegenmittel: Kostümfotos, Orientreise und Schaffung seriöser Literatur. Hier wird deutlich, dass Mays Leben selbst den Gesetzen des Mythos folgt.

12. Herr der zwei Welten: Der Heros vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben.
a) Das ist die Ausgangssituation Karl Mays.
d) Dantes Ausgangssituation

Die Punkte werden nach und nach auch für die noch ausstehenden Werke ausgefüllt, ich bin aber für Hilfen dankbar. (Die kann man in Kommentare schreiben, genaus natürlich wie Proteste gegen falsche Zuordnungen.)
Vielleicht reizt es aber auch, es an eigenen Lektüren auszuprobieren.
Reizvoll wäre für mich auch Parzival.

Kommentare:

Herr Rau hat gesagt…

Neulich habe ich das erste Kapitel von Winnetou angehört. Da ist der Held ja erst Lehrer und gewinnt Henry (den Büchsenmacher) als väterlichen Freund. Plötzliches Erscheinen einer Aufgabe: Henry hat ihn heimlich Prüfungen unterzogen (Schießen, Reiten, Mathematik) und ihm eine Stelle als Surveyor besorgt, die Karl annehmen (und dafür sehr plötzlich aufbrechen/abreißen) muss. Aber das Zögern fehlt, wenn ich mich erinnere. Andererseits hat die Reise eventuell ja schon begonnen mit der Ankunft in Amerika. Also Stufe 1 und 3: ja. Zu 5: Neben Winnetou natürlich das Kleeblatt um Sam Hawkens. Zu 9: da weiß ich zu wenig. Will Karl bei den Indianern bleiben? Kann man den Aufenthalt bei den Indianer als Unterwelt-Äquivalent sehen und die Welt der Weißen als Alltag?

Walter Böhme hat gesagt…

Herzlichen Dank!
Meine Winnetoulektüre ist lange her. Was ich noch weiß, das habe ich im wesentlichen von Martin Walsers Eloge auf Karl May.

Walter Böhme hat gesagt…

Ich habe an anderer Stelle (http://literarisch.wordpress.com/category/heldenreise/) darauf hingewiesen, dass ein großer Unterschied zwischen Karl May und Old Shatterhand besteht, die ich hier zu Unrecht in eine Person verschmolzen habe.

Karl May erlebt eine Heldenreise. Old Shatterhand ist so ein Superman, dass es für ihn keine wirklichen Herausforderungen gibt, an denen er wachsen kann.

Weiterhin reizt es mich, die vorgegebenen Stationen an Parzival und Dante nachzuvollziehen bzw. nachzuweisen, dass sie nicht zum Protagonisten passen.

Doch das gäbe recht umfangreiche Antworten, und auch die wären nur spielerisch. Es gibt da bestimmt keine eindeutig richtigen Antworten.